Pressestimmen: "Nicht in Kulturkampf-Falle tappen"

2. November 2005, 15:08
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Süddeutsche Zeitung: "Die schlimmsten Befürchtungen aller Gegner Teherans im Atomstreit bestätigt"

München/Berlin/Luxemburg - Der weltweit mit Empörung aufgenommene Aufruf des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad zur Vernichtung Israels wird am Freitag von zahlreichen Zeitungen kommentiert:

"Süddeutsche Zeitung" (München):

"Irans Präsident hat seinem Land einen denkbar schlechten Dienst erwiesen. Sein Gerede bestätigt die schlimmsten Befürchtungen aller Gegner Teherans im Atomstreit. Daran ändert auch nichts, dass Irans Streitkräfte zu einem solchen Gewaltstreich gar nicht in der Lage wären (...) Außer politischem Schaden bewirkt der neue Mann also nichts. Es handelt sich freilich nicht um einen verbalen Ausrutscher des Staatschefs, diese Töne gehören zur gewohnten Freitags-Rhetorik mittelmäßiger Polit-Mullahs. Von Verantwortlichen waren sie seit Jahren nicht mehr angeschlagen worden."

"die tageszeitung" (taz) (Berlin):

"Die internationale Gemeinschaft reagiert entsetzt - als hätte sie diese iranische Position noch nie gehört. Doch Ahmadinejad hat nur ausgesprochen, was offizielle iranische Linie ist. Allerdings war sein Vorgänger so besonnen, diese Position nicht öffentlich zu formulieren. Insofern handelt es sich bei den Äußerungen tatsächlich um eine Verschärfung des Tons. Andererseits dürfte der außenpolitisch vollkommen unerfahrene Ahmadinejad gar nicht geahnt haben, welches Echo seine Worte international finden würden (...) Seine Worte waren an seine Landsleute gerichtet. Nun, wo ihm die Inhalte seiner Politik verloren gehen, setzt Ahmadinejad auf Populismus und martialische Rhetorik."

"Le Monde" (Paris):

"Als wenn das noch notwendig gewesen wäre - die Maske ist gefallen. Mit seinem Aufruf an die muslimische Welt, Israel gewissermaßen von der Karte auszuradieren, hat der iranische Präsident in nur wenigen Worten das beunruhigende Bild eines allmächtigen und extremistischen Staatschefs vervollständigt. Mit jeder seiner öffentlichen Äußerungen manifestiert sich der iranische Ehrgeiz nun offener und aggressiver. Seine Hassrede steht vor dem Hintergrund politischer Verhärtung. Die brutale Art dieser Rückkehr in die Vergangenheit ist mehr als ein böses Omen. Es ist ein ernst zu nehmendes Alarmzeichen zu einer Zeit, in der der Iran unnachgiebig seinen nuklearen Ehrgeiz erkennen lässt."

"Neue Zürcher Zeitung":

"'Tod für Israel!' gehört nebst der Verwünschung Amerikas seit den ersten Tagen der Islamischen Revolution zu den beliebtesten Losungen der Demonstranten in Iran. Entsprechend dachte wohl Ahmedinejad an nichts Besonderes, als er sich (...) mitreißen ließ und in einer nicht vorbereiteten Ansprache Khomeinis Worte aufnahm. Doch diese Äußerungen aus dem Mund eines Staatsoberhaupts fielen im jüdischen Staat und in westlichen Hauptstädten auf. Kenner Irans stellten fest, noch niemals habe ein Präsident dieses Landes solch scharfe Worte gesprochen, die, wenn sie überhaupt geäußert würden, zum ideologischen Diskurs des Revolutionsführers passten. Als er noch Präsident war, hatte sich selbst der gegenwärtige Revolutionsführer, Ayatollah Khamenei, zurückgehalten. (...) In der gleichen Rede brüskierte Ahmedinejad Ägypten und Jordanien wegen des Friedens mit dem jüdischen Staat. Damit macht er sich an die Zerstörung jenes Vertrauenskapitals bei arabischen Nachbarstaaten, welches sein Vorgänger Khatami in mühseliger Kleinarbeit aufgebaut hatte."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung":

"Seit der Revolution ist die erbitterte Feindschaft mit Israel ein außenpolitischer Grundpfeiler der Islamischen Republik Iran. Das ist in den vergangenen Jahren ein wenig in Vergessenheit geraten (...) Dass Ahmadinejad nun eine antizionistische Konferenz abhalten lässt und sich dort ausdrücklich auf den Revolutionsführer Khomeini beruft, belegt, wes Geistes Kind der neue Präsident ist. Die einhellige internationale Empörung sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass man im Ausland noch keine gute Politik für diesen Mann und die Kräfte, die hinter ihm stehen, gefunden hat. Ein Ausschluss Irans aus den Vereinten Nationen, wie ihn Israel jetzt fordert, erscheint unrealistisch und würde kaum etwas bewirken. Die Regierung in Teheran bezieht ihre Stärke aus den Rohstoffvorkommen des Landes, der verfahrenen Lage im Irak und dem Spiel mit den Ängsten des Auslands vor einer iranischen Atombombe." (APA/dpa)

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