"Private japanische Post wird auf ihre Kunden hören müssen"

7. November 2005, 13:31
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Ab 2007 wird die japanische Post privatisiert - Forscher Andreas Moerke erläutert im STANDARD-Interview, was auf den bisher größten Staatsbetrieb zukommt

STANDARD: Wie würden Sie die Reform der japanischen Post beschreiben?

Andreas Moerke: Die Essenz ist erstens, dass der größte Arbeitgeber Japans privatisiert wird, zweitens, dass die Post als Art "zweiter Budgethaushalt", den die japanische Regierung genutzt hat, um beliebige Infrastrukturprojekte zu finanzieren, ihrem Zugriff entzogen ist. Drittens wird damit der künftige internationale Finanzplayer am Markt auch das Geschehen im Inland stark beeinflussen.

STANDARD: Kann man von einer echten Privatisierung sprechen, oder ist es nur eine kleine Reform, wie Kritiker meinen?

Moerke: Das ist wirklich eine Privatisierung, wenn es so durchgezogen wird, wie jetzt geplant. Wir wissen aber noch nicht, wie das Ergebnis 2017 tatsächlich aussehen wird. Aber auch NTT, der ehemalige staatliche Telefonmonopolist wurde vollkommen privatisiert. Warum sollte es nicht bei der Post auch gelingen?

STANDARD: Mit welchen Strategien kann ein historisch gewachsener Koloss wie Japans Post am Markt überleben?

Moerke: Mit Diversifikation, sprich: Zustelldiensten, Bankgeschäften, Versicherungen. Für die Geschäftsfelder werden vier Gesellschaften unter einer Holding gegründet. Zum anderen wird die Post auf Kunden hören müssen. Die jetzt am Markt tätigen kommerziellen Banken - wie die soeben fusionierte UFJ/Tokyo Mitsubishi Bank - haben ganz andere Kunden als die Post. Da wird sie lernen müssen, wie der freie Markt funktioniert.

STANDARD: Die Privatisierung wird ab 2007 umgesetzt. Ab wann kann man erste Auswirkungen sehen, wenn die dann weltgrößte Bank mit einem Vermögen von 2600 Milliarden Euro tätig wird?

Moerke: Man sieht es bereits. Da die anderen Banken dann einen Konkurrenten gegenüber haben, der als einziger bis in die letzten Winkel des Landes ein Filialnetz hat, überprüfen sie schon seit geraumer Zeit ihre Angebote und versuchen ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Das betrifft vor allem die wenigen noch vorhandenen Regionalbanken mit ihrer Bindung an die Landbewohner. Man muss bedenken, dass etwa die Citibank hohe Gewinnmargen und eine gute Rentabilität hat. Ich glaube nicht, dass eine privatisierte Postbank schon bald dieselben Renditen erreichen kann und profitabel sein wird. Darüber hinaus verfügt sie noch gar nicht über entsprechende Produkte.

STANDARD: Was bedeutet denn eine privatisierte Postbank für den Bürger?

Moerke: Ich sehe keine prinzipiellen Änderungen in nächster Zeit. Ich glaube auch nicht, dass viele Postämter geschlossen werden. Einer der Gründe, warum die meisten Japaner ihre Konten bei der Post haben, ist, weil der Staat dahinterstand und damit Einlagen sicher waren. Wenn die Post jetzt privatisiert und Einlagen nur bis zu einer bestimmten Höhe garantiert, dann werden die Konsumenten vielleicht eine andere Bank wählen. (Andrea Waldbrunner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.10.2005)

ZUR PERSON: Dr. Andreas Moerke ist Forscher am Deutschen Institut für Japanstudien in Tokio. Forschungsgebiet: Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur Japans, vor allem im Bankensektor und in der Autoindustrie. Moerke ist auch Kommentator für Bloomberg-TV.

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    Moerke rät dem Koloss zur Diversivikation in Zustelldienste, Bankgeschäfte, Versicherungen

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