Identitätsstiftende Verzögerungen

3. November 2005, 16:11
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Philharmonisches "Konzert für Österreich" in der Wiener Staatsoper

Wien - Während die hiesigen Streitkräfte am Tag zur Feier der österreichischen Nation ihre Potenz am Wiener Ring und am Heldenplatz beschauen ließen, präsentierte sich eine zweite, mehr versöhnungskräftig wirkende Institution des Landes in der Wiener Staatsoper: Die Wiener Philharmoniker - seit Mitte dieses Jahres auch Goodwill Botschafter der WHO, der Weltgesundheitsorganisation - luden dort zu einem Konzert für Österreich.

Die Spitzen des Staates logierten im Proszenium des Hauses - der Bundespräsident links, der Bundeskanzler rechts - und steuerten solcherart auch einen bescheidenen theatralischen Teil zum musikalischen Staatsakt bei, welcher naturgemäß mit großen Tönen großer Landessöhne begangen werden wollte.

Zu Mozarts Es-Dur Klavierkonzert KV 482 erlosch die TV-gerecht gleißende Beleuchtung des Publikumsbereichs ein erstes Mal - und auch die künstlerischen Leistungen der Wiener Philharmoniker und ihres dirigierenden Solistern Daniel Barenboim sollten eher umschattet bleiben.

Ein einziger staunen machender, aus der unverbindlichen Fröhlichkeit herausragender Moment gelang Daniel Barenboim zum Ende der Kadenz des dritten Satzes - wie auch den Wiener Philharmonikern, die daraufhin einsetzten gleichsam so schmiegsam, warm und weich wie zerlassene Butter.

Nach dem eher tummelflugartig absolvierten Rondino giocoso Theodor Bergers zog Volkhard Steude, Konzertmeister des Orchesters, Ludwig van Beethovens F-Dur Romanze in eher militärischem Gestus durch: kernig, agil, und immer eine Augenhärchenlänge vor seiner Truppe.

Zum Abschluss planierte Barenboim beim Kaiser-Walzer von Johann Strauß sämtliche nationalidentitätsstiftenden Verzögerungen und Beschleunigungen zu Ende und Beginn der jeweiligen Werkteile. Das staatsaktskundige Österreich tat es mit souveränem Applaus ab und floh freudig zum Heer. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.10.2005)

Von
Stefan Ender
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