Stifter heiß und kalt

9. November 2005, 13:33
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Peter Androschs zeitgenössisches musiktheatralisches Werk "Schwarze Erde" in Linz

Linz - Zwölf Gesänge, je vier zusammengefasst in drei Alben, 90 Minuten lang: Peter Androsch (Musik) und Silke Dörner (Libretto nach bzw. mit Adalbert Stifter) schufen zum Ausklang des Stifter-Jahres eine höchst kurzweilige Essenz an Stifter'schen Miniaturen. Das heißt, es handelt sich eigentlich nicht um eine Stifter-Geschichte, und schon gar nicht um Biografisches.

Entlang von zwölf - seinen exzessiven Naturschilderungen entnommenen - Schlüsselbegriffen (Sturm, Hagel, Feuer, Eis, Regen, Finsternis, Kälte, Hitze, Ruhe, Duft, Licht und Weite) reihen sich vielmehr teils poetische, teils surreale, teils mit Augenzwinkern versehene Bilder aneinander, die ein jüngerer Mann mit den Schriften des singulären Dichters und ehemaligen Gymnasiastenquälers heute verbinden mag.

Befindlichkeiten, Emotionen und Gedankensplitter, ausgelöst durch quergelesene und verdichtete Stiftertexte, umgesetzt in Klangbilder. Mit kleiner Orchesterbesetzung inklusive Klavier, größerem Chor, Sopran (Cheryl Lichter), Mezzo (Tijana Gruijc), Tenor (Hans-Günther Müller) und Bariton (Daniel Ohlenschläger) realisiert Androsch einzelne Klangskulpturen, die zuweilen flirrend-zart, dann wieder eruptiv, minimalistisch oder im Stile Weills vorüberziehen, immer aber kantabel und rhythmisch akzentuiert gehalten sind.

Beeindruckend, wie er die klangliche Balance subtil auszutarieren, wie er die von Silke Dörner vorgegebenen Wortkonzentrate atmosphärisch zu unterstreichen und zu konterkarieren versteht. Gut nachvollziehbar auch für der neueren Musik skeptisch gegenüberstehende Zuhörer.

Ein Videofenster

Ein überzeugender Wurf gelang Renate Schuler, die Inszenierung, Bühne und Kostüme in einem zu verantworten hat. Die Bühne ist mit schmalen weißen Stoffbändern eingerahmt, ein großes, beweglichen Videofenster vermittelt Aus-, Ein- und Durchblicke. Mit sparsam eingesetzten Gestaltungs- und Lichteffekten, opulenten Kostümen und filmischen Techniken wie Zeitlupe fängt Schuler Stimmungen ein, vermittelt dichte Atmosphären und macht gleichzeitig das dünne Eis biedermeierlicher Beschaulichkeit ironisch transparent.

Alexander Drcar bemüht sich um exakten musikalischen Ablauf, denn die Partitur verlangt ein Höchstmaß an Präzision und Akzentuierungsvermögen. In beiden Fällen hat er nicht immer die notwendige Unterstützung im Orchester sowie bei den Sängerinnen und Sängern. Jedenfalls: So einhelligen Premierenerfolg für ein zeitgenössisches musiktheatralisches Werk gab es in Linz selten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.10.2005)

Von
Reinhard Kannonier
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