Groovige Transpiration

3. November 2005, 16:11
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Der Schlagzeuger Alex Deutsch gastiert im Porgy & Bess - ein Weltenbummler in Sachen Jazz

Deutsch ist mittlerweile einer der interessantesten Advokaten der Verschmelzung von Improvisation mit aktuellem Popsound.


Wien - "Ich hatte damals ein Schlüsselerlebnis, mit bekannten Musikern auf einem bekannten Festival. Ich sehe noch immer den fragenden Gesichtsausdruck der Zuhörenden vor mir, die überfordert waren. Ich fühlte mich wie ein Atomwissenschaftler im Club 2. Auch deshalb wollte ich fortan eine Sprache sprechen, die verständlich ist." Die Begebenheit, die Alex Deutsch da hervorkramt, liegt weit zurück und hat doch viel mit der Gegenwart zu tun.

"Damals", das waren die späten 80er-Jahre, als er als junger Tour-Schlagzeuger von Freddie Hubbard oder Woody Shaw herumreiste. Und in denen er gemeinsam mit den Trio-Partnern Peter Herbert und Wolfgang Muthspiel nach Boston ans Berklee College of Music übersiedelte. Der Rhythmus, der Groove, das war sein Forschungsobjekt:

Sessions mit Rappern in New York interessierten ihn mehr als die damals blühende Downtown-Szene, er arbeitete mit Musikern der Experimental-HipHopper von Arrested Development, gründete das Free-Funk-Trio Pink Inc. Deutsch: "Ein Jazzgig war für mich wie eine Aufführung der Zauberflöte. Man weiß vorher, wie es klingen wird. Für mich als Staubsauger in Sachen Musik war das zu wenig."

In den letzten Jahren, so scheint's, ist Deutsch, der 1995 Amerika den Rücken kehrte und seit 1999 in Wien lebt, fündig geworden.

Zumindest erlebt der 46-Jährige als Groove-Drummer unter dem Kürzel aleXdrum einen zweiten Frühling: Café Drechsler und Gelee Royal lauten die Schlüsselbegriffe, auf die sich das Tun und Treiben des Umtriebigen, der auch als Produzent (auch Christian Ludwig Attersees Blut), Remixer und Label-Betreiber wirkt, nicht begrenzt werden kann.

"Das Solo ist für uns nicht wichtig, es ist ein Bemühen, Menschen zum Tanzen zu bringen", so charakterisiert Deutsch die Philosophie von Café Drechsler, unter dessen Signet der Roni-Size-Fan gemeinsam mit Uli Drechsler und Oliver Steger elektronische NuJazz-Tracks durch freie, groovige Improvisation in ein raues, akustisches Bandsetting überträgt.

Auf den beiden Tonträgern - insbesondere dem lustvoll in Richtung Tango, HipHop oder Dub ausfasernden Meisterstück Radio Snacks - hat der Computer hingegen durchaus ein paar Töne mitzureden. Das dort zu genießende bunte Treiben an Gästen rührt auch von Deutschs Initiierung der Gelee-Royal-Schiene her, die im Herbst 2001 im Wiener Palmenhaus startete und mittlerweile in ganz Europa gastierte:

Angeregt durch die ohne jede Probe ablaufenden Begegnungen von "analog" transpirierenden Instrumentalisten mit DJs und Elektronikern, deren Sets in gleitenden Übergängen miteinander verlinkt sind, wurde Deutsch durch den Wunsch, sich als Neo-Wiener aktiv in die Szene einzuarbeiten.

Wobei sich die Motivation rasch wandelte: "Ich habe auf diese Weise auch sehr viel Talent gehört, das es in dieser Stadt gibt. Diesem ein Podium zu geben war für mich ein Grund, Gelee Royal weiterzuführen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.10.2005)

Von
Andreas Felber

Bis 29. 10.,
Info: (01) 512 88 11

  • Alex Deutsch: "Ein Jazzgig war für mich wie eine 'Zauberflöten'-Aufführung. Man weiß, wie es klingen wird."
    foto: standard/hendrich

    Alex Deutsch: "Ein Jazzgig war für mich wie eine 'Zauberflöten'-Aufführung. Man weiß, wie es klingen wird."

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