Steiermark: Frecher, forscher, ohne Feigheit

4. November 2005, 23:25
posten

Ein ungleiches Paar: Die neuen steirischen Kulturpolitiker Flecker und Miedl

Graz – Die Landtagswahl in der Steiermark hat auch gröbere kulturpolitische Auswirkungen: Franz Voves, der neue SP-Landeshauptmann, übertrug Kurt Flecker, seit 2000 Landesrat für Soziales, die Kulturagenden, die bisher in der Hand von Wahlverliererin Waltraud Klasnic lagen. Und Werner Miedl, zuletzt ÖVP-Verkehrssprecher im Nationalrat, ist der neue Grazer Kulturstadtrat. Er tritt nächste Woche die Nachfolge von Christian Buchmann an, der ab nun in der Landesregierung für die Finanzen zuständig ist.

Miedl ist im Kulturbereich ein unbeschriebenes Blatt: Der 1955 in Oberwölz geborene Werkzeugmacher war viele Jahre lang Polizist und Obmann der Polizeipersonalvertretung. Als Nationalratsabgeordneter ging es ihm um Reform und Demokratisierung der Exekutive, Kampf gegen Drogen, Asylrecht, neue Strategien in der Sicherheitspolitik. Der Vater dreier Kinder liebt Käsespätzle, Apfelsaft mit Leitungswasser, Fliegenfischen, Inlineskating, Lesen (Stefan Zweig), Jazz (Keith Jarrett) und irische Volksmusik.

Gegenüber dem STANDARD kündigt er an, "Mut für das Neue" machen zu wollen. Der steirische herbst solle unter Intendantin Veronica Kaup- Hasler "wieder frecher und forscher" werden. Er hält die "offene Szene" für wichtig: "Ich bin streitbar. Das will ich auch in der Kulturpolitik beweisen." Zweifel an seiner Kompetenz versucht er zu zerstreuen: "Einen fixfertigen Kulturpolitiker gibt es nicht."

Flecker und er hätten zwar eine "unterschiedliche ideologische Herkunft", dennoch will er dem Kulturlandesrat "die Hand reichen, um manches gemeinsam anzugehen". Dies dürfte aber nicht leicht werden. Denn Flecker, 1947 in Graz geboren, ist so ziemlich das Gegenteil von Miedl: Der bärtige, langhaarige Jurist gilt als "linker Kämpfer". Er fährt eine Gold Wing, hasst Feigheit, liebt Jazz und Rock, kann mit der Oper nichts anfangen.

Autonomieplädoyer

Ihm ist die Machtkonzentration auf Peter Pakesch ein Dorn im Auge. Denn der Ausstellungsmacher leitet als von der ÖVP installierter Intendant des Landesmuseums Joanneum nicht nur das Department Kunst, zu dem die Neue Galerie gehört, sondern programmiert auch das Kunsthaus: "Ich halte das für unvereinbar. Es wird zu einer Entflechtung kommen müssen." Flecker kann das Bestreben der Neuen Galerie nach mehr Autonomie nachvollziehen: "Wir brauchen mehr Eigenständigkeit der Departments."

Kritik übt er auch am "unmoralischen Vertrag", den das Land mit der AVL über die Nutzung der Helmut-List-Halle abgeschlossen hat: "Die öffentliche Hand steckt erheblich viel Geld in diese Halle, die nach Auslaufen des Vertrags AVL gehört. Das hat nichts mehr mit Mäzenatentum zu tun. Wenn wir allein das Risiko der Nutzung tragen müssen, werden wir auch die Nutzungen bestimmen." Um die Halle nicht monatelang leer stehen zu lassen, denkt Flecker über eine Senkung der Mietpreise nach.

Das Budget für die Grazer Bühnen, bis 2008 gedeckelt, habe für ihn "die Schmerzgrenze" erreicht: Flecker plädiert für "Umverteilungen in Richtung freie Szene". Die kostenintensiven Landesausstellungen sollen daher nicht mehr jährlich stattfinden. Zudem werde es keine Sonderbudgetierungen mehr für das Klassikfestival styriarte geben: "Intendant Mathis Huber hat sich in seinem Budgetrahmen zu bewegen." Denn eines weiß der Realist: dass die Wahrscheinlichkeit, mehr Mittel für die Kultur zu bekommen, äußerst gering ist. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.10.2005)

Von
Thomas Trenkler
Share if you care.