Retro im Iran

14. November 2005, 08:33
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Alles ist plötzlich wieder da, was der Iran seit dem Tod von Khomeini langsam und mühevoll hinter sich gebracht hat - von Gudrun Harrer

Mit Mahmud Ahmadi-Nejad wurde im Juni ein iranischer Präsident gewählt, den man dem revolutionären islamistischen Fußvolk von 1979 zurechnet, das sich durch ihn erstmals seit 26 Jahren wieder lautstark zu Wort meldete - als Signal auch gegen die reichen, schicken und intellektualisierenden Mullahs vom Schlage eines Khatamis oder Rafsanjanis. Die Frage war, wie sich die Ahmadi-Nejads in all diesen Jahren entwickelt hatten, und welchen Politikbegriff sie in ihre Ämter mitnehmen würden. Jetzt wissen wir es. Die politische Regression hat im Iran voll eingesetzt. Alles ist plötzlich wieder da, was der Iran seit dem Tod von Khomeini langsam und mühevoll hinter sich gebracht hat, inklusive der verschwitzten Israel- Zerstörungsfantasien.

Manche mögen das als dumme Propaganda, für die Ohren einer sehr begrenzten Klientel, abtun. Das ist zu kurz gegriffen. Erstens einmal hat Israel - und die Welt - aus der jüdischen Geschichte gelernt, die absurdesten Drohungen wörtlich zu nehmen. Zweitens ist der Iran, dessen Präsident da von der Vernichtung Israels gesprochen hat, kein finsteres, unbedeutendes Land irgendwo am Rande der Welt: Er ist eine aufstrebende Regionalmacht mit großen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ambitionen, die sich in gewisser Weise als Herausforderin Israels in einem hegemonialen Wettstreit in der Region sieht - ein Land, das ernst genommen werden will.

Der Aufstieg wird sich zumindest verlangsamen, wenn Ahmadi-Nejad sein Land in die Isolation manövriert. Beispiel Atomprogramm: Der Iran verlangt, nicht in Rechten beschnitten zu werden, die allen Mitgliedern der internationalen Gemeinschaft zustehen - und darüber konnte man diskutieren. Wenn nun aber ein Präsident eines Landes einem anderen mit Auslöschung droht, dann stellt er automatisch auch die Rechte seines eigenen Landes zur Disposition. So sind die Regeln, für alle. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.10.2005)

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