Marchfelder Austria Frost Gruppe pleite

29. November 2005, 13:19
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Masseverwalter entscheidet in den nächsten Tagen über Verkauf oder Stilllegung von Österreichs größtem Tiefkühlproduzent - 800 Jobs sind gefährdet

Wien - Österreichs größter Tiefkühlproduzent, die Austria Frost Gruppe im niederösterreichischen Marchfeld, musste Konkurs anmelden. Es habe zwar zwischen dem Eigentümer, der Vorarlberger "11er" Nahrungsmittel GmbH, und dem belgischen Gemüsespezialisten Pinguin N.V. bereits eine grundsätzliche Einigung für eine Übernahme gegeben, bei der Finanzierung und laufender Betrieb des Unternehmens gesichert gewesen wären. Pinguin sei aber in letzter Konsequenz nicht bereit gewesen, die Finanzierungsangebote österreichischer Banken und die neuen Energieversorgungsverträge der VA-Tech zu akzeptieren, hieß es am Mittwoch in einer Aussendung.

Pinguin habe in den vergangenen drei Monaten exklusiv mit "11er" Nahrungsmittel über eine Übernahme von Austria Frost verhandelt. Eine Neuaufnahme von Verhandlungen mit anderen Interessenten würde bis zu einem Abschluss zumindest drei bis vier Wochen in Anspruch nehmen. Da ein Termin einer endgültigen Vertragsunterzeichnung nicht abgeschätzt werden könne, habe der Aufsichtsrat in Abstimmung mit der Geschäftsführung die Entscheidung getroffen, über die Austria Frost Nahrungsmittel GmbH ein Konkursverfahren einzuleiten, um finanziellen Schaden bei Lieferanten, Kunden und anderen Partnern in einem überschaubaren Rahmen zu halten, wurde betont.

Das Landesgericht Korneuburg hatte am Dienstag das Konkursverfahren über die Austria Frost GmbH eröffnet. Der Gesamtschuldenstand beläuft sich laut Antrag auf 26,278 Mio. Euro. Die Aktiva sollen nach letzten Informationen bei rund 15 Mio. Euro liegen.

Existenzsorgen

Nun zittern 800 Angestellte, Bauern und Erntearbeiter um ihre Existenz. Neben den 70 Angestellten und 248 Arbeitern des Werkes, das vor allem "Iglo", "Knorr" und unter der Marke "Marchfeldgemüse" produziert, würde eine Stilllegung des Betriebes dramatische Folgen für die Landwirte im Marchfeld haben. Rund 500 Jobs in der Landwirtschaft seien gefährdet, sagte die Leiterin des Arbeitsmarktservice (AMS) für den Bezirk Gänserndorf, Waltraud Hackenberg, am Donnerstag zur APA.

Die Produktion erfolgt momentan nur eingeschränkt. Sobald eine Zwischenfinanzierung gesichert sei, soll der Vollbetrieb wieder aufgenommen werden, heißt es seitens des Unternehmens.

Noch niemand zur Kündigung angemeldet

Laut AMS hat die Austria Frost Verträge mit rund 300 bäuerlichen Betrieben, weitere Bauern würden aber auch partiell zuliefern, hieß es. Die meisten Landwirtschaftsbetriebe im Marchfeld hätten zwar mehre Standbeine, oft sei das vor allem die Zuckerrübenproduktion, und seien daher nicht in ihrer Existenz gefährdet. Direkt im Gemüseanbau seien aber dennoch Arbeitsplätze von rund 500 angestellten Erntearbeitern bedroht, wenn die frühere Marchfelder Tiefkühlgemüseproduktion des Unilever-Konzerns zusperren sollte, meinte Hackenberg. Zur Kündigung angemeldet sei aber noch niemand.

Masseverwalter Christof Stapf will auf Grund der "hohen laufenden Kosten" rasch über die Zukunft der Produktion entscheiden. "Es gibt mehrere Interessenten. Eine Entscheidung wird in wenigen Tagen fallen", erklärte er auf Anfrage der APA.

Manfred Felix, Zentralsekretär der Gewerkschaft Agrar-Nahrungsmittel-Genuss (AGN), zeigte sich am Donnerstag "sehr zuversichtlich", dass man einen Käufer finden werde. Nach wie vor gebe es Gespräche mit Pinguin N.V., aber auch andere Interessenten hätten sich gemeldet. Dass ein neuer Eigentümer dennoch Mitarbeiter abbauen könnte, glaubt der Gewerkschafter nicht. Der Personalstand sei praktisch nicht mehr zu senken.

Landwirtschaftskammer

Der Präsident der niederösterreichischen Landwirtschaftskammer, Hermann Schultes, spricht von einer "sehr unerfreulichen Situation". Wie es künftig weitergehe, könne so kurz nach Bekanntwerden der kritischen Lage noch nicht gesagt werden, erklärte er am Donnerstag auf Anfrage der APA. Entscheidend sei nun die Frage, wie sich die Iglo-Mutter Unilver verhalte. Betroffen sind knapp 280 Bauern und eine Anbaufläche von über 2.000 Hektar.

Laut der Landwirtschaftskammer findet Donnerstag Abend eine Gesprächsrunde zwischen Landwirtschaftsexperten und einigen großen Marchfeldbauern statt. Ziel sei es, eine Gemeinschaft der betroffenen Landwirte zu formen um den Schaden für die Agrarier möglichst gering zu halten.

Unterstützung von Unilever

Auch von Unilever Österreich kommt Unterstützung. Man habe "großes Interesse", dass die Austria Frost Nahrungsmittel GmbH nach dem Konkurs weiter geführt werde, betonte der Verkaufsdirektor von Eskimo & Iglo, Rainer Herrmann, am Donnerstag auf APA-Anfrage. Man werde daher auch weiterhin das Management bei einer Partnersuche sowohl in Österreich als auch auf europäischer Ebene so gut wie möglich unterstützen.

Die Austria Frost hat 2001 das frühere Eskimo-Iglo-Nahrungsmittelwerk in Groß Enzersdorf von Unilever - Eigentümer der Marke Iglo - übernommen. Damals sei man zum Schluss gekommen, dass die Kapazitäten im Werk für den österreichischen Markt zu groß seien. Er, Herrmann, gehe davon aus, dass sich in Zukunft neben der Produktion für Iglo in Österreich ein neuer Eigentümer auch an internationalen Märkten orientieren werde müssen.

Unilever Austria werde alles daran setzen, die Verfügbarkeit von Iglo-Produkten für den österreichischen Handel und die heimischen Konsumenten weiterhin sicherzustellen, sagte Herrmann zur APA. Für die nächsten Wochen sei man jedenfalls mit Marchfeld-Gemüse "versorgt". Zudem werde sich Unilever bemühen, dass die Produktion im Werk in Groß Enzersdorf in vollem Maß weiterlaufe.

Größter österreichischer Tiefkühlkost-Produzent

Die Austria Frost Gruppe ist der größte österreichische Produzenten von Tiefkühlkost. Die Verkäufe an Unilever unter den Marken "Iglo" und "Knorr" machen rund 48 Prozent des Austria Frost-Umsatzes aus. Austria Frost ist Teil der Vorarlberger "11er"-Gruppe des Unternehmers Rudolf Grabher und produziert unter anderem das "Marchfeldgemüse".

Die 11er-Gruppe setzt mit 500 Mitarbeitern rund 110 Mio. Euro um. Die Gruppe besteht aus drei Gesellschaften, der Finanzholding "Austria Frost Holding GmbH", dem Produktionsstandort Groß Enzersdorf "Austria Frost Nahrungsmittel GmbH" und der Wiener Vertriebsorganisation "Immler & Co GmbH. (APA)

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    800 Angestellte, Bauern und Erntearbeiter zittern um ihre Existenz.

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