Cool Britannia

18. November 2005, 21:11
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"My home is my castle" zählt in Britannien mehr denn je. Grund genug, sich auf Englands wichtigsten Wohnmesse-Events wie der 100% Design und dem Designersblock umzuschauen

Britisches Interieur stand lange Zeit für Nostalgieästhetik und Fortschrittsangst. Das mittlerweile dritte Londoner Design Festival mit Messen wie der 100% Design, die 450 Aussteller und an die 40.000 geschätzte Besucher ins Exhibition Centre am Westlondoner Earls Court lockte, oder Designersblock 05, die cooles Design ins hippe Ostlondoner Shoreditch brachte, katapultieren die britische Produktdesignindustrie und ihr angestaubtes Image aber endgültig ins 21. Jahrhundert.

Bei der Megamesse 100% Design gab es neben Küchen, Bädern und Möbeln für Haus und Garten auf dem neuesten Stand der Designtechnik auch Keramik, Textilien, Beleuchtungssysteme und Wohnaccessoires. Der Anteil an britischen Produkten war erwartungsgemäß hoch. Das äußerte sich einerseits in einer beeindruckend großen Tapetenauswahl - die Palette reichte von exzentrisch bis traditionell "with a Twist" und von handbemalt bis digital behandelt. Wer aber andererseits nicht nur auf der Suche nach mit englischen Rosen oder hippen Schwarz-Weiß-Fotos bedruckten Wandschmuck war, erkannte sofort, dass britisches Design mehr ist als nur Wallpaper Paradise.

Ein Sofa vom trendigen Ostlondoner Möbelhersteller SCP zierten Prints, die auf den ersten Blick an ein gutbürgerliches Teeservice erinnerten, sich aber als Szenen des modernen Londons entpuppten, während Royal-College-of-Art-Absolventin Kathleen Hills mit dem Label Multi altmodischen Milchflaschen mehrere Flaschenhälse verpasst und traditionelle Keramiklampen zu kuriosen Installationen mutieren lässt. Zwei Beispiele für Brit- Ästhetik, die als humorvoller gilt als die italienische, aber weniger radikal-konzeptuell als etwa die niederländische.

Und das witzig-pragmatische britische Designkonzept...

... scheint mehr und mehr aufzugehen. Denn obwohl die Produktionskosten in Großbritannien nach wie vor hoch sind, boomt der britische Interior-Design-Markt. Man ist offensichtlich mehr "Houseproud" als je zuvor. Sollte sich diese "My home is my castle"-Mentalität zudem noch verstärkt mit einem Interesse an individualistischen lokalen Produkten vermischen, könnten die Briten den italienischen oder skandinavischen Produktdesigngiganten den Rang ablaufen. Momentan sind internationale Big Names aber noch gut im Rennen, wie man unschwer am "Best New Product"-Wettbewerb der 100% Design erkennen kann.

Auf der Shortlist tummelten sich neben den englischen Firmen Altro, Colebrook Bosson Saunders und Modus auch klingende italienische Namen wie Foscarini mit ihrer verschachtelten Big-Bang-Deckenleuchte oder Magis mit dem vielseitigen Trioli-Kinderstuhl und Plank, das mit dem elegant-avantgardistischen Miuri Hocker von Superstar Konstantin Grcic den Prestigepreis abräumte.

Aber während diese Etablierten unleugbar faszinierend perfekte, neue Produkte präsentierten, war es die Designnachwuchsgarde, die die Messebesucher zum Schmunzeln brachte. Die "Undu x10"- Initiative ermöglicht es zehn Collegeabgängern, ihre Produkte bei 100% Design zu präsentieren. Ein Lederfauteuil namens "Winston" sah aus wie ein gigantischer Schokodoughnut, beim "Process Chair" war eines der Stuhlbeine noch ein kleiner Baumstumpf, inklusive Rinde, einem einzigen Blatt und einem Häufchen Sägespäne auf dem Boden. Sollte das ein Kommentar zur marxistischen Idealvorstellung des eine Ware vom Anfang bis zum Ende produzierenden und daher nicht entfremdeten Arbeiters sein, läge der unvollendete Sessel jedenfalls voll im Trend.

Hidden Art, ein Künstlerkollektiv, ...

... dessen Mitglieder sich Designers/Makers nennen, die ihre Produkte also nicht nur entwerfen, sondern auch selbst in ihren Ostlondoner Studios produzieren, gewann immerhin den "Best Contribution to Show"-Award. Die Produkte waren individuell und knallbunt wie die absurd-praktischen, frei stehenden Kleiderhänger von Magnus Long, und oft handgefertigt wie die händisch bedruckten und bestickten Tapeten von Kim Robertson und Claire Coles.

In einer Mischung aus traditionellem Kunsthandwerk und modernster Computertechnologie, also einer Art aufpoliertem "Slow Design", scheint auch die britische Designzukunft zu liegen. Das kristallisierte sich beim Londoner Design Festival vor allem in den Newcomerausstellungen im jungen Eastend heraus. Die von einem halbverfallenen Pub aus operierenden Visionäre Piers Roberts und Rory Dodd sind die Masterminds hinter Designersblock, der wichtigsten Ostlondoner Designmesse, die ein experimentelles Gegengewicht zur etablierten 100% Design darstellt. Gemeinsam mit ihren Ausstellern sind sie überzeugt davon, dass aus frustrierend schwierigen Produktionsbedingungen und der Notwendigkeit, alles selbst in die Hand nehmen zu müssen, eine ganz besondere Designenergie gewonnen werden kann, die zu überraschend eigenständigen Resultaten führt.
(Britta Burger/Der Standard/rondo/07/10/2005)

  • Blumige Leuchte von Bodo Sperlein
    foto: hersteller

    Blumige Leuchte von Bodo Sperlein

  • Leuchte "Bing Bang" von Franzolini und Jimenez
    foto: hersteller

    Leuchte "Bing Bang" von Franzolini und Jimenez

  • Der "Leaf-chair" von Arper
    foto: hersteller

    Der "Leaf-chair" von Arper

  • Der Sessel "Process" von Scott Garcia
    foto: hersteller

    Der Sessel "Process" von Scott Garcia

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