Straßenkinder und Situationisten

10. Februar 2006, 14:54
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i-D demokratisierte die Modewelt - Jetzt wird das legendäre Magazin 25 und feiert sich mit einer Ausstellung in London

Nur 50 Exemplare wurden verkauft, damals im Jahre 1980, als der ehemalige Artdirektor der britischen "Vogue", Terry Jones das erste Exemplar seines Modemagazins präsentierte. Keine Strecken wie aus einem künstlichen Paralleluniversum waren darin zu finden, kein Glamour und auch keine sündhaft teuren Kleider - stattdessen jenes Leben, das sich in den Clubs und auf der Straße abspielte und dem irgendwann das Etikett "wirklich" angehängt wurde. Er zeigte die Punks und all die anderen auch, die damals über die King's Road flanierten. "i-D" hieß sein Magazin, ein billig gemachtes und bewusst rau gehaltenes Heft. Zusammengehalten wurde es von drei Heftklammern und dem Glauben, dass jeder das Zeug zum Model habe - auch die Burschen und Mädels von der Straße.

Der Erfolg war alles andere als prognostiziert, und doch schaffte "i-D" innerhalb kurzer Zeit etwas, was vorher noch niemandem gelungen war: Das Magazin wurde zur subkulturellen Stilbibel, zu einer, auf der sich die Stars jener Zeit, die Grace Joneses und Madonnas, mit zusammengekniffenem Auge präsentierten. Das ist das bis heute beibehaltene Stilmerkmal eines jeden "i"-"D"-Covers: ein verführerisches, ein leicht ironisches Augenzwinkern.

Mittlerweile ist das Baby von damals eine der weltweit geachtetsten Modepublikationen, Terry Jones über 60 und bereits selbst Großvater. Das Buch zum zwanzigjährigen Jubiläum (Taschen Verlag) wurde von Armani (!) gesponsert, die Ausstellung zum fünfundzwanzigjährigen findet jetzt im renommierten Londoner Fashion and Textile Museum statt. Und doch hat das unbändige Magazin von damals viel von der Energie seiner Anfangsjahre erhalten - auch wenn sich Konkurrenzpublikationen wie "The Face" oder "Blitz" und Heerscharen von japanischen Mags auf seine Fersen geheftet haben.

Seinen Rang hat dem Magazin aber noch niemand abgelaufen. Es "entdeckte" die Neorealisten unter den Fotografen der Neunziger - Wolfgang Tillmans, David Sims, Juergen Teller - und definierte die Grunge-Ästhetik der Epoche, es wurde mit seinem Situationisten-Stil für Artdirektoren zum Vorbild und beeinflusste mit seinen Straßen- shootings sogar die Hochglanzpostillen. "Straight-up-Schüsse" nennt man jene Aufnahmen, die "i-D" in die Modefotografie einführte und die gewöhnliche Menschen auf der Straße, in Clubs oder Bars zeigen: So (schön) wie sie eben sind.

Mit "i-D" bekam die Mode auf und von der Straße ein Gesicht. Das ist Terry Jones' wahrscheinlich größtes Verdienst. Mittlerweile mischt man zwar längst High- und Streetfashion, und Prada annonciert genauso wie Topshop, noch immer fühlt man sich aber im Besonderen den Strömungen der Straße, den Subkulturen und den nachkommenden Designern verpflichtet. Dabei geht es immer eher um eine Haltung als um reinen Stil. Mit der Welt der Schönen und Reichen hat Terry Jones auch nach über 300 Ausgaben seines Magazins wenig am Hut. "Das Prinzip der Coolness habe ich nie verstanden", hat er erst unlängst gesagt. Trotzdem schaffte er es, sie für zweieinhalb Jahrzehnte zu definieren.

Tipp: Die Ausstellung "Identity" zum 25. "i-D"-Jubiläum ist bis zum 3. Dezember im Fashion und Textile Museum in London zu sehen. (Der Standard/rondo/28/10/2005)

Von Stephan Hilpold
  • Eine Ausgabe des Magazins, das seit nunmehr 25 Jahren die Straße modisch salonfähig macht.
    foto: id

    Eine Ausgabe des Magazins, das seit nunmehr 25 Jahren die Straße modisch salonfähig macht.

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