Warum musste George Burley gehen?

7. November 2005, 22:53
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Nach dem besten Ligastart seit 1915 trennte sich der schottische Tabellenführer Hearts of Midlothian von seinem Manager

Als Paul Hartley vom Feld schritt, zog er sein Dress aus und enthüllte so das darunter getragene T-Shirt. "Für den Boss" stand da zu lesen. Andere Spieler des schottischen Fußball-Klubs Hearts of Midlothian zeigten nach dem 2:0-Sieg im Spiel der Premier League gegen Dunfermline auf ähnliche Weise ihre Sympathie für Manager George Burley. Nur wenige Stunden zuvor hatte die Mannschaft erfahren, dass der 49-Jährige nicht mehr ihr Chef ist. "Unüberbrückbare Differenzen" hätten zur Trennung geführt, verlautete von Seiten des Klubs. Doch warum Burley wirklich gehen musste, weiß keiner so recht. Mangelnder Erfolg kann nicht der Grund sein, denn die Hearts führen nach dem besten Saisonstart sein 1915 die Tabelle an, seit Burleys Amtsantritt vor vier Monaten hat man nur einmal verloren.

Bei Spielern wie Anhängern dominieren Überraschung und Enttäuschung. Kapitän Steven Pressley: "Wir haben von Problemen nichts mitbekommen. Ich kann nur sagen, der Manager war sehr beliebt bei uns - ein hervorragender Taktiker. Seine Trainings waren erstklassig." Klub-Vorsitzender George Foulkes versicherte, er würde in der Causa Burley gern mehr ins Detail gehen, doch leider habe man sich gegenseitig Stillschweigen versprochen. Was er immerhin sagte war: "Das ist kein guter Tag für Hearts."

Was bleibt sind Mutmaßungen. Angeblich war es am Abend vor dem Spiel am vergangenen Samstag zu einer Auseinandersetzung zwischen Burley und Wladimir Romanow gekommen. Der Litauer ist Multimillionär und Besitzer des Traditionsvereins aus Edinburgh. Seit Februar in Schottland engagiert, besitzt er nun 55% der Hearts-Aktien und strebt die Erlangung der vollständigen Kontrolle an. In Fanbussen auftauchend und bei Auswärtsspielen unter den Anhängern sitzend, sammelt er Sympathiepunkte. Doch viel wichtiger ist, dass mit seinen Investitionen eine immerwährendes Verlangen der Hauptstädter nun tatsächlich in Reichweite scheint: mit den Glasgower Giganten Celtic und Rangers auf Augenhöhe zu konkurrieren.

Für den Mann, dem in Litauen auch der FC Kaunas gehört, ist das aber ohnehin nur ein erster Schritt. Er denkt in Champions-League-Dimensionen: "Ich habe bezüglich dessen, was erreicht und möglich gemacht werden kann, nie Grenzen gesetzt. Letztlich bedeutet das, um den Europacup-Sieg zu kämpfen." Der Schotte Burley, der bei Ipswich und Derby erfolgreich gearbeitet hatte, sollte die Hearts auf dem Weg nach oben führen. Allerdings gab es dem Vernehmen nach immer wieder Spannungen zwischen den beiden starken Persönlichkeiten, denn Romanow gab sich mit der Rolle des Zahlmeisters nicht zufrieden, mischte sich immer wieder ins Tagesgeschäft Burleys ein und versuchte Einfluss auf die Aufstellung des Teams zu nehmen. Auch Spielerverpflichtungen soll er des öfteren freihändig getätigt haben, obwohl Burley bis zuletzt versicherte, diesbezüglich die Kontrolle nicht verloren zu haben.

Der 57-jährige Romanow wurde im nordöstlich von Moskau gelegenen Kreis Tver geboren und stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Seine Mutter hatte die Belagerung Leningrads durch die Deutschen überlebt, der Vater war Karriere-Soldat und blieb nach dem Krieg in der Armee. Als er im litauischen Kaunas stationiert wurde, übersiedelte auch die Familie. Nach dem frühen Tod des Vaters war der Schüler Wladimir gezwungen, auch Geld zu verdienen. Neben seinem Job als Taxifahrer tat er das durch den illegalen Verkauf von Schallplatten mit westlicher Rockmusik. Schon seit den 1970er Jahren als Privatunternehmer in der Sowjetunion tätig, übernahm Romanow nach der Revolution in Litauen 1991 mehrere Staatsunternehmen, die damals ohne viel Federlesens an den Meistbietenden verkauft wurden. Auch an der Gründung der ersten litauischen Privatbank war er beteiligt. Ab nun ging es mit dem Geld verdienen erst so richtig los. Heute wird Romanows Vermögen auf 260 Mio. Pfund geschätzt.

Bei den Hearts muss nun jedenfalls ein neuer leitender Mitarbeiter gefunden werden. Foulkes rechnet nicht an einem Mangel an High-Potentials: "Angesichts der Ressourcen, die Wladimir Romanow einsetzen will, werden die Leute Schlange stehen, um bei uns arbeiten zu dürfen." Eines ist jedoch sicher: der Burley-Nachfolger wird nicht Waldas Iwanauskas heißen. Romanow hat nämlich bereits ausgeschlossen, dass der Ex-Austrianer, der zuletzt als Assistenztrainer in Edinburgh gewerkt hat, eine Beförderung erwarten kann. (Michael Robausch)

  • Das Aus für George Burley führt bei viele Hearts-Fans zur Frage: Kann ein Investor mit seinem Klub wirklich alles machen, was er will?

    Das Aus für George Burley führt bei viele Hearts-Fans zur Frage: Kann ein Investor mit seinem Klub wirklich alles machen, was er will?

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