Vorzeigeland - Von RAU

14. November 2005, 08:33
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Immer um eine Drehung zu viel. Österreich sei ein "Vorzeigeland" geworden, sagte Kanzler Schüssel am Nationalfeiertag. Ja, wir halten uns ganz ordentlich. Besonders, wenn man die Worte "verglichen mit" dazufügt. Verglichen mit der Zeit vor 50, 60 Jahren. Verglichen mit dem britischen Gesundheitssystem. Verglichen mit der amerikanischen Bewältigung von Naturkatastrophen. Verglichen mit der aktuellen deutschen Wirtschaftssituation. Verglichen mit der politischen Kultur in Berlusconi-Italien. Aber verglichen mit dem finnischen Bildungssystem ist unseres defizitär.

Dennoch kann Österreich ein "Vorzeigeland" sein: Die neuen Reformländer im Südosten können sehr wohl am Beispiel Österreichs lernen, wie man von einer Kultur des Bürgerkriegs in eine politische Konsens-Kultur übergeht. Wie man eine Sozialpartnerschaft baut. Wie man über den anderen nicht drüberfährt, wenn es nicht notwendig ist.

Diesen österreichischen Weg könnten Kroatien, Serbien, Montenegro, Mazedonien, Bosnien, Albanien, vielleicht auch andere, zu ihrem Vorteil gehen. Wenn Schüssel das gemeint hat, dann wären freilich eher die Jahre von 1945 bis 2000 etwas zum Vorzeigen als die fünf Jahre seither. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.10.2005)

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