Gurrelieder ohne Worte

3. November 2005, 16:11
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Die "Herbstsymphonie" von Joseph Marx nach 80 Jahren wiederaufgeführt

Graz - Nicht besser hätte man den Zeitpunkt treffen können als an den beiden Sonnentagen zu Wochenbeginn, um in Graz jenen gigantischen Hymnus erklingen zu lassen, mit dem der aus dieser Stadt gebürtige Komponist Joseph Marx (1882-1964) der Schönheit der südsteirischen Landschaft unter dem Titel Herbstsymphonie ein klingendes Denkmal setzten wollte.

Die mitunter geradezu betäubenden Dezibelladungen, die das große Grazer Orchester "recreation" im Stefaniensaal im Verlauf der Wiederaufführung dieses Werkes nach 80 Jahren an die Trommelfelle der Zuhörer lieferte, finden höchstens noch in Amérique von Edgar Varèse ihr dröhnendes Gegenstück.

So mochten diese 75 üppigen symphonischen Minuten für viele Interessenten, die Joseph Marx bisher für einen vergessenen Liederkomponisten hielten, eine laute Überraschung gewesen sein. Und vielleicht dachte so manche(r) bei sich, zu dem in den Buschenschänken des steirischen Süden jetzt üppig genossenen Sturm sei nun wohl auch der passende (symphonische) Schinken gefunden.

Denn in die Klangwelt von Joseph Marx muss man sich einhören. Noch weniger als Korngold oder Schreker bietet die kaleidoskopisch variable und in ihrer vieldeutigen Chromatik meist unfixiert bleibende Harmonik, die er seiner schwärmerischen Melodik unterlegt und mit der er sie immer neu maskiert, nur wenige herkömmliche akustische Anhaltspunkte.

Extremwerte

Diese Anmerkung soll das Verdienst der Grazer Wiederauffühung keineswegs schmälern. In den vier zum Teil ineinander übergehenden Sätzen dieser Herbstsymphonie erreicht die eigenwillige Kompositionstechnik von Marx nicht nur durch ihre akustischen Auswirkungen Extremwerte, sondern auch im Hinblick auf ihre strukturelle Dichte und auf ihre labyrinthische Form. Sind es doch nur zwei Tonfolgen, aus denen dieser vierteilige Hymnus auf die herbstliche steirische Landschaft ersteht.

Wer hier idyllische Pseudofolklore erwartet, irrt. Der Ton, den Marx anschlägt, zeugt überregionale Information. Er bezieht sein Vokabular hörbar von Debussy und bis in manche Details der Instrumentierung auch von Alexander Skrjabin.

Was an dieser Herbstsymphonie fasziniert, dass es sich bei diesem Werk trotz aller dynamischer Massierungen um nichts weiter als vier Lieder handelt. Und trotz aller harmonischer Verwirrungen, wie sie durch die mit Themenzitaten polyfon verspiegelten Akkordtürme ausgelöst werden, bleibt Marx in seinen nur scheinbar rondoartigen amorphen Gebilden stets stringent.

Die Maßlosigkeiten, die er sich dabei in allen Aspekten herkömmlicher Symphonik erlaubt, sind ohne Beispiel.

Dauerekstase

Das Flirren und der hymnische Gesang der Streicher, die Attacken der Schlagzeugbatterie, mit der man ohne Weiteres auch Ionisation des schon erwähnten Edgar Varèse aufführen könnte, die stete Unruhe, in die Marx das niemals satt und fad klingende Blech versetzt, die jähen Farbwechsel, die er durch manch gefinkelten Mediantenschritt erreicht, vereinigen sich zu einem akustischen Dauerrausch mit einer endlosen Serie von ekstatischen Höhepunkten.

Die Wiedergabe dieses Werkes wird naturgemäß für jedes Orchester zu einer Materialschlacht, deren Ausgang unsicher ist. Die Hundertschaft des großen Orchesters von "recreation" ist der Herbstsymphonie unter der Führung von Michel Swierczewski keineswegs unterlegen.

Auch wenn sich die Klangwelt von Joseph Marx für die Ausführenden ebenso wie für die Zuhörer nicht ganz spontan erschließbar erwies, waren Beifall und Freude am Ende beträchtlich. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.10.2005)

Von Peter Vujica
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