Maurers "Menschenfreund": Selbst­zufriedenheit eines Linksintellektuellen

26. Oktober 2005, 20:54
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Der Kabarettist wandelt Nestroy wie Raimund ab und scheiterte - an seiner Saturiertheit

Thomas Maurer als Plagiator: Er wandelt in "Menschenfreund" Nestroy wie Raimund ab. Und er schlägt in jene Kerbe, die vor einem Jahr mit "Freundschaft" geschlagen wurde. Der Kabarettist scheiterte - an seiner Saturiertheit.


Wien - Thomas Mauer malt ein Schreckensszenario an die Wand: Nach zwei fehlgeschlagenen Soloprogrammen ist sein Alter Ego gezwungen, sich in der Nähe von Scheibbs anzusiedeln, wo das Vorhaben, Olivenöl Extra Vergine zu erstehen, spektakulär scheitert. Einen kleinen Schritt dahin hat der Wiener Kabarettist nun gesetzt: Menschenfreund ist Maurer missglückt.

Denn er konnte sich nicht entscheiden, ob er einfach nur kommod parlieren oder eine Zauberposse mit Gesang und Computeranimation machen will. Daher zerfällt der Abend, im Vindobona-Lustspielhaus-Zelt am Wallensteinplatz präsentiert, in zwei Teile. Zudem beschäftigt sich Maurer, nachdem die FPÖ, 2003 unglaublich aktuell und treffend in Die neue Selbständigkeit seziert, nichts mehr hergibt (was sich nach der Wienwahl als Trugschluss herausgestellt haben könnte), mit der Befindlichkeit der politisch korrekten "Gutmenschen" - und damit auch seiner eigenen Situation: Er spielt einen Kabarettisten gleichen Namens, der als "linksintellektueller Promi" aller hehren Ziele verlustig gegangen ist. Denn seine Seele hat er längst dem Kapitalismus verkauft, um das Leben eines Hedonisten zu führen.

Der Verlust sozialdemokratischer Werte und die Bürgerlichkeit der Linken, die nicht nur Attitüde ist: Das haben bereits vor einem Jahr Rupert Henning und Florian Scheuba in Freundschaft thematisiert. Menschenfreund ist daher bloß ein Nachschlag, der analytisch nichts Neues bringt. Auch der Neobiedermeierbefund ist seit dem Begriff Co- cooning recht abgedroschen.

Originalbügelfalte Die Type allerdings, die Maurer, "verkleidet" mit Bart, zeichnet, hat schon etwas wunderbar Abstoßendes: Er schleppt einen 70er-Jahr-Designer-Drehstuhl, den er beim Hietzinger Pfarrflohmarkt (auch der Atheismus ist nur Etikette) um kein Geld erstanden hatte, auf die Bühne, fläzt sich überheblich in diesen und jammert. Er mag nicht mehr den Augustin kaufen, weil er ihn ohnedies nicht liest, und er hat kein schlechtes Gewissen mehr, wenn er den STANDARD "mit der Originalbügelfalte" wegschmeißt (Maurer schreibt bekanntlich für den Kurier).

Er hat sich mit seiner Iris ein Biedermeierhaus mit Garten gekauft, das nun restauriert wird, von einem Polen natürlich und Schwarzarbeitern aus der Ukraine. Schlimm sei es zwar, wie es in der Welt zugehe, aber da lässt sich leider nichts machen: "Eh ein Wahnsinn, wie die Gesellschaft mit die Alten umgeht. Aber is halt. Mir werden's net ändern." Nicht einmal den Haider habe man demontiert: Den habe exklusiv der Jörg am Gewissen. "Wenn's wirklich auf uns Scheißlinke ankommen wär', wär' der Haider inzwischen Kanzler und Bundespräsident in Personalunion."

Nach der Pause findet Maurer auf der Bühne plötzlich eine kleine Holzkiste, der eine Fee (als Stimme aus dem Off) entsteigt. Sie will ihn mit der Zufriedenheit beglücken. Maurer wehrt sich zwar, und so folgen ein paar langatmige, wenig inspirierte Dialoge mit dem Tonband. Brüderlein fein wird intoniert, mit Raimund hat die Paraphrase - skurrilerweise tragen die Pressefotos zum Downloaden den Titel Menschenfeind - aber wenig zu tun: Die Zauberposse erinnert eher an Nestroys Lumpazivagabundus. Denn da wie dort herrscht zum Schluss die große Zufriedenheit: Iris hat "Busen und Po von 1990", der Wintergarten ist doch noch fertig geworden, und die Kosten sind sogar unter dem Voranschlag geblieben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.10.2005)

Von Thomas Trenkler
  • Im Dialog mit der Fee, einer Stimme aus dem Off: Thomas Maurer agiert in "Menschenfreund" lange Zeit nur hinter einem Paravent. Das Geschehen bestimmen Computeranimationen auf einer Leinwand.
    foto: lukas beck

    Im Dialog mit der Fee, einer Stimme aus dem Off: Thomas Maurer agiert in "Menschenfreund" lange Zeit nur hinter einem Paravent. Das Geschehen bestimmen Computeranimationen auf einer Leinwand.

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