Safia El Souhail im STANDARD-Interview: "Ja trotz Einspruch gegen einige Punkte"

4. November 2005, 20:00
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Die irakische Politikerin erwartet sich von der Annahme der Verfassung einen Schritt hin zu mehr Stabilität, obwohl sie mit dem Text nicht voll einverstanden ist

STANDARD: Wird die neue Verfassung die Dinge im Irak zum Besseren wenden?
Souhail: Ehrlich gesagt, ich persönlich war nicht mit allen Punkten dieser Verfassung einverstanden, besonders in Bezug auf Menschenrechtsangelegenheiten und individuelle Freiheiten. Aber ich habe trotzdem beim Referendum mit Ja gestimmt, weil ich glaube, dass die Verfassung helfen wird, dem Land Stabilität zu bringen, und dass sie ein weiterer Schritt zum Aufbau unserer Institutionen ist. Ja, so denke ich darüber, obwohl ich mir über einzelne Artikel der Verfassung Sorgen mache.

STANDARD: Glauben Sie, dass das Ja einen nationalen Konsens reflektiert?
Souhail: Entscheidend war die Übereinkunft, die die politischen Führer zwei Tage vor dem Referendum abgeschlossen haben, des Inhalts, dass der Verfassungstext einem Revisionsprozess unterworfen wird. Dass sie bei den Wahlen im Dezember ein neues Parlament bekommen, gibt den Irakern das Gefühl, dass sie die Verfassung korrigieren können.

STANDARD: Was halten Sie von der Versöhnungsinitiative der Arabischen Liga, die im November starten soll?
Souhail: Wir hätten uns so eine Initiative vor langer Zeit gewünscht. Es ist zwar etwas spät, aber natürlich unterstützen wir sie voll, um die arabischen Länder an unserem politischen Prozess teilnehmen zu lassen. Wir sind Teil der arabischen Welt, und wir haben hart daran gearbeitet, um sie dazu zu kriegen, uns zu helfen. Wir werden ohne Hilfe der Nachbarn keine Stabilität erreichen.

Aber wir werden einige Dinge klar zur Sprache bringen müssen bei unseren Treffen mit arabischen Offiziellen. Was wir von ihnen brauchen ist nicht nur, dass sie unsere Grenzen sichern helfen, sondern dass sie ihren Bevölkerungen den neuen Irak richtig kommunizieren - nicht wie bisher, dass das, was im Irak passiert, keine Legitimität hat, dass der Irak ein besetztes Land ist, dass wir nicht den Irak repräsentieren. Alles das hat so in den arabischen Medien stattgefunden.

Die arabischen Führer sollen klar sagen, was Sache ist: dass die Iraker zum ersten Mal wählen gehen konnten und eine Nationalversammlung gewählt haben und sich später zum ersten Mal für eine Verfassung entscheiden konnten und jetzt einer Demokratie entgegensehen. Diese Botschaft an die arabischen Menschen brauchen wir von den arabischen Staaten.

STANDARD: Wie kann man die prinzipielle Unterstützung, die der Aufstand im Irak in der arabischen Welt zu genießen scheint, eindämmen?
Souhail: Die Politiker, die spirituellen Führer und die Intellektuellen der Länder der arabischen Liga müssen kommunizieren, dass das, was derzeit im Irak passiert, kein Djihad, kein Heiliger Krieg, ist. Sie müssen den Menschen klar die Bedeutung von Djihad erklären. Sie müssen laut aussprechen, dass der Aufstand im Irak nicht der Wille des Islam ist, sondern dass er gegen alle islamischen Prinzipien verstößt. Sie müssen sich auch mit der Bedeutung von "Widerstand" beschäftigen. Heißt Widerstand, Iraker und Irakerinnen umzubringen? (DER STANDARD, Printausgabe, 27.10.2005)

Zur Person

Safia El Souhail (40) ist die designierte irakische Botschafterin in Ägypten - dass sie diesen Posten bisher nicht antreten konnte, schreibt sie übrigens baathistischen Machenschaften im irakischen Außenministerium zu. Die Tochter eines von Saddam Hussein ermordeten schiitischen Stammeschefs ist mit dem Kurden Bakhtiar Amin verheiratet, der in der ersten irakischen Regierung Menschenrechts-Minister war. El Souhail überlegt, bei den Parlamentswahlen im Dezember zu kandidieren, auf der Liste des ersten Interimspremiers Iyad Allawi. Über Safia El Souhail gibt es ein Buch: Johanna Awad-Geissler: "Safia. Eine Scheichtocher kämpft für ihr Land" (Droemer).

Das Interview führte Gudrun Harrer

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    Safia El Souhail: Vorwürfe gegen die arabische Welt.

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