Inflationsrisiko setzt US-Notenbank stärker unter Druck als EZB

7. November 2005, 14:20
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Hohe Energiepreise werden einer Analysten-Umfrage zufolge eher in den USA als in Europa zu breitem Inflationsanstieg führen - Hoher Ölpreis belastet Wachstum in G-7-Ländern

London - Die Volkswirte sehen in der Euro-Zone nur eine geringe Gefahr, dass die hohen Ölpreise kräftige Lohnsteigerungen nach sich ziehen, ergab eine am Dienstag veröffentlichte Reuters-Umfrage unter insgesamt rund 150 Ökonomen aus Europa, den USA und Asien. In den USA schätzen die Experten die Gefahr solcher "Zweitrundeneffekte" höher ein. Trotz ihrer jüngsten verschärften Warnungen vor Inflationsgefahren wird die Europäische Zentralbank (EZB) den Prognosen zufolge erst im Frühjahr kommenden Jahres ihren Leitzins auf 2,25 Prozent von derzeit 2,0 Prozent anheben.

Im Sommer 2006 erwarten die Volkswirte im Schnitt eine weitere Zinserhöhung auf dann 2,50 Prozent. Eine weitere Straffung der Geldpolitik dürfte dann ihrer Ansicht nach erst 2007 erfolgen. Der Ölpreisanstieg und die Warnungen der EZB hinterließen in der Umfrage jedoch deutliche Spuren: Bei der letzten Umfrage im Juli hatten die Experten im Schnitt erst für Herbst 2006 eine erste Zinserhöhung prognostiziert.

In den USA erwarten die Experten eine Erhöhung des Schlüsselzinses auf 4,25 von derzeit 3,75 Prozent bis Ende dieses Jahres. Am Jahresanfang 2006 werde die US-Notenbank Fed ihren Zins noch einmal auf dann 4,50 Prozent anheben und ihn dann auf diesem Niveau bis 2007 belassen.

Wachstumsverlangsamung

Für die USA erwarten die Ökonomen eine Wachstumsverlangsamung auf 3,3 Prozent im kommenden Jahr von 3,5 Prozent 2005. "Die Konsumenten werden durch höhere Zinsen belastet werden, denn die (US-Notenbank) Fed hat klar gemacht, dass sie gerne eine Abkühlung des US-Immobilienmarktes sehen würde", sagte Rainer Guntermann von Dresdner Kleinwort Wasserstein.

Allerdings liegt das Wachstum in den USA damit dennoch weit über den anderen G-7-Staaten. Zwar erwarten die Ökonomen für die Euro-Zone eine leichte Wachstumsbeschleunigung auf 1,7 Prozent von 1,3 Prozent im laufenden Jahr. Doch wegen des hohen Ölpreises - den die meisten Volkswirte auch 2006 weit über 50 Dollar je Barrel sehen - fallen die Prognosen meist niedriger aus als noch im Juli. "Wenn der Ölpreis auf dem gegenwärtigen Niveau (von knapp 60 Dollar) bleibt, könnte das noch einmal 0,5 Prozentpunkte Wachstum kosten", sagte Guntermann.

Beschleunigung in Frankreich

Für Frankreich erwarten die Analysten eine Wachstumsbeschleunigung auf 1,7 von 1,5 Prozent und für Italien einen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,1 Prozent im kommenden Jahr nach einer Quasi-Stagnation 2005. Die Prognose für das deutsche Wirtschaftswachstum senkten die Analysten auf 1,3 Prozent für 2006 und 0,8 Prozent für 2005. Großbritannien wird nach Ansicht der Volkswirte seine Wachstumsflaute überwinden und 2006 wieder einen BIP-Zuwachs von 2,2 Prozent nach 1,7 Prozent im laufenden Jahr verbuchen.

Die Prognosen für das lange Deflations-geplagte Japan fielen dagegen zuversichtlicher als noch bei der letzten Umfrage im Juli aus: Die Analysten erwarten, dass die japanische Wirtschaft 2005 um 2,2 Prozent und 2006 um 1,9 Prozent wächst. "Obwohl die Erholung schon seit drei Jahren läuft, steht die Wirtschaft jetzt wirklich am Start", sagte Mamoru Yamazaki von HSBC Securities in Tokio. (APA/Reuters)

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