Momentum

    1. November 2005, 17:49
    4 Postings

    In der politischen Debatte momentan in Mode

    Den Hinweis auf die Hausse des Wortes „Momentum“ in der österreichischen politischen Debatte verdanke ich Herrn F. A. von der TU Wien. Er schreibt mir: „Das ,Momentum’, eigentlich die englische Bezeichnung für Impuls, ist aus bisher vollkommen ungeklärter Ursache ganz plötzlich anlässlich der Wiener Landtagswahl in den Wortschatz sämtlicher politischer Kommentatoren gerutscht. Eine Partei stagniert nicht mehr, sie verliert an Momentum, wer dazu gewinnt, versucht, das Momentum bis zur Nationalratswahl beizubehalten, und wer in die Bedeutungslosigkeit abstürzt, hat überhaupt kein Momentum mehr. Mit welchem Momentum das Wort Momentum sich momentan ausbreitet, hätte ich vor Wochen noch keinen Moment lang für möglich gehalten.“

    Ich kann die Beobachtung von Herrn F. A. bestätigen: Allein in der Journal-Panorama-Diskussion auf Ö 1 am Montag, bei der die Journalisten Anneliese Rohrer, Andreas Unterberger und Armin Thurnher über die Herbstwahlen debattierten, kreuzte das „Momentum“ ein halbes Dutzend Mal auf. „Momentum“ dürfte, wie vom Leser erwähnt, ein Importartikel aus dem Angloamerikanischen sein; allerdings ist ihm, wegen seines lateinischen Erscheinungsbildes, die Herkunft nicht so leicht anzumerken wie „checken“, „chatten“, „downloaden“ etc.

    Die Bedeutungen von „Momentum“, laut „Websters New World College Dictionary“. sind: „1) Der Schwung eines sich bewegenden oder bewegten Objekts; 2) Eine Kraft oder Stärke, die an Ausmaß zunimmt (,eine Kampagne, die Momentum gewann’); 3) (Mechanik, Physik) das Produkt von Masse eines Partikels, Körpers etc. und seiner Geschwindigkeit.“ Wie unter Punkt 2 angedeutet, gehört „Momentum“ auch zur politischen Fachterminologie: In amerikanischen Präsidentschafts- oder Kongresswahlkämpfen legen die Parteistrategen großen Wert darauf, das „Momentum“ nicht zu verlieren. So weit, so klar. Mysteriös ist allerdings in der Tat, warum ein bisher kaum bekanntes Wort mit einem Schlag in aller Munde ist – oder wenigsten im Munde derer, die man im öffentlichen Diskurs besonders oft vernimmt. Am ehesten wird man sich das wohl durch ein Ansteckungsphänomen erklären können, bei dem, wie bei der Vogelgrippe, rätselhaft bleibt, wo es ausbricht, wie es sich ausbreitet und wer ihm erliegt.

    Von
    Christoph Winder

    Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.

    Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an
    christoph.winder@
    derStandard.at
    .
    Share if you care.