Das erste Mal am Knie

7. Juni 2006, 22:46
42 Postings

Die Yamaha YBR 125 beflügelt Guido Gluschitschs Fantasie und holt ihn gleichzeitig auf den Boden der Realität zurück

Die Eckdaten: Frau Socia besitzt eine nigelnagelneue Yamaha YBR 125. Man empfahl mir via Posting auf derstandard.at, in Zukunft 125er zu testen. Ich weiß, dass 125 Kubikzentimeter ein Achtel sind. Und ich weiß, dass Yamaha aus dem YBR-Achtel ganze zehn Pferde schöpft. Das ist nicht gerade viel Leistung für ein schwarzes Motorrad.

Herr Nussa, positiv gestimmt

Ich erinnere mich an einen Satz, den der Herr Nussa immer wieder von sich gegeben hat: "Fehlende PS werden durch Wahnsinn ersetzt!" Inzwischen gilt ja als so gut wie gesichert, dass ich allein keinen Motorrad-Test zustande bringe – man munkelt, dass ich jemanden brauche, der mir sagt, was ich denken und schreiben soll – also Herrn Nussa anrufen. Meine Anfrage beim Herrn Nussa, ob er Zeit und Lust hätte, mit mir ein Motorrad zu testen, wurde positiv beantwortet, geknüpft an die Frage, um welches Eisen es sich handle.

"Yamaha YBR."
"Aha, kenn ich gar nicht!"
"Eine neue Nackerte vom Yamaha."
"Passt!"

Trotzdem erkenne ich einen Anflug von Erstaunen im Nussa-Gesicht, als er die 125er sieht. Während der Herr Nussa den Reißverschluss seiner schwarzen Lederkombi schließt, meint er trocken: "Eh klar, mit der müssen wir auf den Ring!" Er holt aus dem Auto noch ein Six-Pack Bier, das er bei seiner Frau Maus für den nächsten Fernsehabend lagern will und wir fahren los.

libowitzky/gluschitsch

Über den Schwarzenbergplatz kommen wir direkt auf den Ring. Bis zum Rathausplatz gibt es keine besonderen Vorkommnisse. Wir legen die YBR bei jeder Möglichkeit auf die Rasten, gehen an die Grenzen des für uns ungewohnt weichen Fahrwerks und fahren ehrlich gestanden viel zu schnell – ehrliche 100 km/h schafft die Yamaha, die auch so am Tachometer stehen. Double-Knee-Down wo immer es geht. Kurz vor der Uni wird es aber haarig. Rote Ampel.

Frau Maus, sehr aufmerksam

Jeder Versuch einer Vollbremsung beginnt mit einem Griff ins Leere. Vorne verfügt die YBR zwar über eine Scheibenbremse, aber die Verzögerungswerte entsprechen ziemlich genau denen der Beschleunigung. "Vorausschauendes Fahren ist das Um und Auf, wenn du mit einer 125er unterwegs bist", erklärt mir der Herr Nussa, bevor er handtaschenschwingende Damen an Zebrastreifen erwähnt, die ihn zuzurichten versuchten, aber dank Helmpflicht... Ich schenke ihm keine weitere Aufmerksamkeit, da wir inzwischen vor der Tür der Frau Maus angekommen sind.

libowitzky/gluschitsch

Kurz bevor wir den Rückweg antreten, beginnt es zu nieseln. Herr Nussa bekommt von Frau Maus einen Regenschirm in die Hand gedrückt. Er verkühle sich ja so leicht, im Herbst, wenn es feucht und kühl wird. Wir haben gerade einmal 500 Meter geschafft, als der Herr Nussa hinter mir unruhig wird und auf den Porsche vor uns zeigt: "Der Capt´n. Der Capt´n!"

Der Capt'n, hergebrannt

Vom Capt´n hat mir der Herr Nussa schon erzählt. Der Capt´n führt stets einen aufblasbaren, lebensgroßen Spiderman am Beifahrersitz seines Porsche spazieren, weil eine echte Frau mit ihm nicht mitginge – so hat das zumindest der Herr Nussa gesagt. Die nächste Linkskurve nehmen wir standesgemäß Double-Knee&Elbow-Down und der Porsche ist hergebrannt.

Teil drei der Testfahrt bestritt Herr Nussa mit der Motorradeignerin. Die Frau Socia prügelte die YBR mitsamt dem Herrn Nussa rund um den Block, dass die Nachbarn heute noch rätseln, ob es das Winseln der 125er war, das sie hörten, oder das Wimmern des Herrn Nussa.

libowitzky/gluschitsch

PS: Im Grunde ist alles daran wahr. Bis auf die Kleinigkeit, dass diese Testfahrt rund um die gestellten Fotos konstruiert wurde und so nie statt fand. Ich war das erste Mal auf einem Motorrad am Knie – zumindest ohne mir danach den Straßengraben aus der Lederkombi schütteln zu müssen.

Die YBR ist für den Test zur Verfügung gestellter Privatbesitz der Frau Socia und die Frau Socia legt die YBR bei jeder Gelegenheit auf die starr montierten und rundum mit Gummi überzogenen Rasten, was jedem hinter oder mit ihr Fahrenden Schweißausbrüche beschert. Fahrwerk und Bremsen der YBR stoßen selbst im Stadtverkehr bald an ihre Grenzen.

Yamaha YBR, der ganze Stolz

Die Beschleunigungswerte der YBR übertreffen die übliche Vorstellung der Beschleunigung einer 125er nicht. Trotzdem ist die "Fahrrad" genannte Yamaha YBR Frau Socias ganzer Stolz und liebster Zeitvertreib.

Die Akteure reden sich gegenseitig wirklich mit Frau Socia, Herr Nussa, Frau Maus und Capt´n – der in der Tat einen aufblasbaren Spiderman im Porsche spazieren führt – an.

Die Fotos sind gestellt, elektronisch nachbearbeitet und entstanden auf einer abgesperrten Straße, wobei vorab alle erdenkbaren Sicherheitsmaßnahmen getroffen wurden. (Text: Guido Gluschitsch; Fotos: Gluschitsch/Libowitzky; derStandard.at, 30.10.2005)

Yamaha YBR 125

Preis: ab € 1.990,-

Motor: Luftgekühlter 1-Zyl.-4-Takt-Motor, SOHC.
Hubraum: 124 ccm, Leistung: 7,6 kW (10,3 PS) bei 7.800/min, Max. Drehmoment: 10.0 Nm bei 6.500/min, E-Starter, Getriebe: 5-Gang, Antrieb Kette. Tankinhalt: 12 l. Fahrwerk: Rohrrahmen, Telegabel vorne, Schwinge hinten. Bremsen: Scheibe vorne, Trommel hinten. Trockengewicht: 108 kg.

Link
Yamaha

  • Im Bild: Frau Socia prügelt die YBR mitsamt dem Herrn Nussa um den Block.
    fotos: libowitzky/gluschitsch

    Im Bild: Frau Socia prügelt die YBR mitsamt dem Herrn Nussa um den Block.

Share if you care.