Schweres Gerät

26. Oktober 2005, 20:16
15 Postings

Der Uniformbub stand rund um den Nationalfeiertag in voller Montur und mit umgehängtem Sturmgewehr ...

Es war schon im Vorjahr. Aber heuer sollte es nicht anders sein. Und im Grunde tun ja auch meinem Mitläufer die Soldaten leid. Schließlich weiß mein Mitläufer noch, wie das damals war. Beim Bundesheer. Auch wenn er damals nicht am Heldenplatz herumstehen musste um auf Verteidigungsblech aufzupassen, erinnert er sich daran, dass er mit seiner Zeit Sinnvolleres anzufangen gewusst hätte. Ja, sogar damals, Anfang 20.

Aber natürlich konnte er es sich dann nicht verkneifen. Deshalb blieben wir bei unserer Abendrunde durch die Innenstadt bei einem der armen Kerle stehen: der Uniformbub stand rund um den Nationalfeiertag in voller Montur und mit umgehängtem Sturmgewehr vor der Hofburg – und musste so tun, als wäre die Welt scharf darauf, dem österreichischen Bundesheer Panzer, Haubitzen und Hubschrauber zu klauen. Mein Mitläufer fragte die bewaffneten Knaben, wie viele Schurken schon versucht hätten, sich in der Stille der Nacht mit einem Draken davonzustehlen.

Mienenspiel-Camouflage

Ehrlich: ich hätte ihm auch nicht geantwortet. Auch nicht, wenn mein Laufbuddy den Spott auch nur ansatzweise unter einer Schicht Mienenspiel-Camouflage versteckt hätte. Aber mein Mitläufer drang er auf die Bewacher unserer patriotischen Wehrgeräte ein: ob sie schon jemanden festgenommen hätten. Ob es eine Parole gäbe. Ob sie auf ihn schießen würden, wenn er auf die Idee käme, sich in einen Panzer zu schwingen und loszufahren.

Die beiden Grundwehrdiener schwiegen. Sie hielten sich an ihren Sturmgewehren fest und schauten gequält. Ich hatte Mitleid mit ihnen: Die Buben, zog ich an meines Mitläufers Jacke, könnten auch nix dafür, dass meine Kumpel damals ein Dreivierteljahr verschissen hatte. Und nur weil er es – im Gegensatz zu so vielen anderen – nicht geschafft hatte, sich vorher grauenhafte Krankheiten attestieren zu lassen oder sich den Holler im Nachhinein schön zu reden, dürfe er diese zwei Knaben nicht noch mehr quälen, als sie es wohl ohnehin schon seien. Das sei unfair.

Hotel Hundeklo

Aber mein Mitläufer war in Fahrt: Ob sie im Feld schlafen müssten, bohrte er. Und wie das denn sei: Dort zu schlafen, wo City-Wien seine Hunde hinkacken lässt. Ob die Buben wüssten, wie nett die Hotelzimmer der Umgebung seien – vom Meridien bis zur Pension Pertschy gäbe es für jeden Geschmack etwas.

Hier war ich dann froh, dass ich dereinst für für den Waffendienst untauglich befunden worden war: Ich hätte spätestens jetzt geschossen – und dann mit dem Bajonett Unfug getrieben. Aber die Soldaten sahen mich mit traurigen Augen an – und meinten, ich solle dafür sorgen, dass mein Freund verschwände. Um sie zu verarschen, gäbe es schließlich einen ganzen Apparat – und ansonsten könnten sie das selbst auch ganz gut. Ich zog und zerrte an meinem Mitläufer. Und konnte dennoch nicht verhindern, dass er im Abgehen – es war 22 Uhr – "Tagwache" brüllte und dann ein paar sinnlose Befehle nachschob.

Eurofighterumrundung

Heute, in der Nachmittags Spätsommersonne stolperte ich in das vor der Burg aufgefahrene Männerspielzeug in Dunkelgrün. Und hatte meinen Laufkumpan am Handy. Er kicherte: großartig. Er freue sich darauf, so lange um den lustigen Eurofighter zu laufen, bis man ihn anhalten müsse, ob ich mir vielleicht auch das Gesicht dunkel anmalen wolle? Ich meldete mich krank. Ich säße die nächsten Tage im Rollstuhl, sagte ich. Oder ginge zumindest auf Krücken.

Mein Kumpel war sauer, beschloss aber, auch Pause zu machen. Und als der Soldat neben mir das hörte, wäre er vor Freude fast in die Knie gegangen: Die normalen Irren und Spötter, hatten ihn seine Kameraden vorgewarnt, wären schon schwer zu ertragen – aber dem Exfreund seiner Mutter am Heldenplatz in der Nacht bewaffnet und doch wehrlos ausgeliefert zu sein hätte er nämlich nicht durchgestanden.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

    Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

    Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken. "Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

Share if you care.