Schlaflos im Zug

27. Oktober 2005, 17:22
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Warum der Schlafwagen so heißt wie er eben heißt, muss mir einmal wer erklären, grantelt grruch

Kürzlich war ich in Venedig. Bei der Biennale. Schön war das, im Prinzip. Zum einen, weil ich diese Stadt jeglichem Romantizismus und allem Kitsch zum Trotz einfach mag, mehr noch, wundervoll finde, und zum anderen, weil die Verbindung mit einem Kulturevent für mich perfekt ist. Wobei - zu kritisieren wäre da schon einiges. In erster Linie die gastronomischen Preise, die in den letzten Jahren ins Astronomische gestiegen sind. Für meine mehrmals am Tag notwendigen kleinen Mokkas musste ich zwischen 3 und 4,80 Euro pro Puppenhäferl hinblättern, pardon hinklirren, und für ein Mini-Trammezzino, das mit zwei ebenso kleinen Bissen verschlungen war, 4 bis 6 Euro. Von richtigen Essen in Restaurants ganz zu schweigen, die habe ich nach einem kurzen Blick auf die ausgehängten Speisekarten erst gar nicht aufgesucht.

Nun gut, diese ins Dekadente gehende Preisgestaltung könnte eine eigene Kolumne füllen, soll aber heute nicht Thema sein. Denn so richtig grantig wurde ich erst auf der Heimreise. Zu diesem Zweck hatte ich ein Schlafwagen-Abteil gebucht. Zum ersten und sicherlich letzten Mal in meinem Leben. Warum das so heißt, muss mir erst jemand erklären. Wachzwang- oder Schlafentzugs-Wagen wäre der korrektere Begriff. Dabei begann die Fahrt ganz harmlos, ja nahezu idyllisch. Der Schaffner teilte mir strahlend mit, ich hätte Glück, das Abteil ganz für mich allein. Dass dieser Vorteil nur ein kleiner Wermutstropfen war, bemerkte ich erst später. Totmüde, den ganzen Tag treppauf treppab, Stufen und Brücken, und davor das Riesengelände der Giardini ... wollte ich nur schlafen. Wozu es allerdings nicht gekommen ist.

Zuerst stellte ich fest, dass es im Abteil eiskalt war und fürchterlich zog. Also suchte ich die Apparatur, um die Klimaanlage auszuschalten. Obwohl ich den Hebel von Dunkelblau auf Knallrot drehte, hielten Zugluft und Kälte an. Die Anfrage beim Schaffner bestätigte meinen Verdacht: das Ding war automatisch für alle Waggons eingestellt und ließ sich nicht drosseln. Schon leicht verärgert und zitternd versuchte ich das Gebläse der Anlage mit mehreren Polstern abzudichten, was nur einen gelinden Erfolg zeitigte und kroch mitsamt meiner Kleidung ins Bett, die Decke bis über beide Ohren hochgezogen. Doch dann ging es erst so richtig los. Es schaukelte und rüttelte wie verrückt, im Wurstlprater konnte es nicht viel anders sein. Die Tür meines Abteils klapperte, obwohl versperrt, in einer irrwitzigen Tonlage, die von anderen widerwärtigen Geräuschen wie Knattern und Poltern durchmischt war.

Stundenlang ging das so, genau zwölf Stunden, denn so lange dauerte die Fahrt. Ein weiteres Rätsel, hatte die Anreise von Wien nach Venedig vergleichsweise nur sieben Stunden in Anspruch genommen. Zwischendurch hielt der Zug mehrmals ruckartig an und ich krallte mich am Bett fest, um nicht abzustürzen, schielte aus dem Fenster und ... ich konnte nichts erkennen, keine Haltestelle, keine Ortschaft ... der Zug hielt im Niemandsland, wie ich desöfteren feststellen musste.

Schon völlig entnervt, wartete ich auf das Morgengrauen. Alles was mir noch wichtig war, reduzierte sich darauf, dieses ruckelnde, ratternde, wackelnde metallische Schienengefährt verlassen zu dürfen. Rauszugehen an die frische Luft, wieder festen Boden unter den Füßen zu kriegen und vor allem den Ohrensauen erzeugenden Geräuschen und dieser wahnsinnigen Schauklerei zu entkommen. Letztere verfolgte mich übrigens noch am nächsten Tag, den ich wie seekrank wankend, wieder schlaflos verbringen musste. Schlafwagen, nie wieder, weiß grruch.

Eine Grantkolumne
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