Das Oberlehrer-Gen

23. Dezember 2005, 15:21
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Um Chefredakteur der "Presse" zu werden, muss man über eine Qualifikation besonderer Art verfügen ...

Um Chefredakteur der "Presse" zu werden, muss man über eine Qualifikation besonderer Art verfügen - über das Oberlehrer-Gen. Das lässt sich auf keinem Bildungsweg erwerben, man muss es einfach haben, und das bedeutet natürlich auch: Verliert man die Position und muss das Blatt verlassen, lässt man es nicht zurück, weil der Nachfolger ja ein eigenes hat, sondern man nimmt sein Oberlehrer-Gen mit. So wie Andreas Unterberger es aus der "Presse" in die "Wiener Zeitung" mitgenommen hat, wo er gleich eine persönliche Rubrik eröffnete, um damit dem früheren Motto des amtlichen Organs der Republik "Fakten statt Meinung" im Sinne seines Förderers im Bundeskanzleramt den Garaus zu machen.

Seine Rubrik nennt er ein nicht ganz unpolitisches Tagebuch, tatsächlich stellte sich rasch heraus, dass es sich dabei - das Wirken des Oberlehrer-Gens lässt sich nicht unterdrücken - um eine Art sehr politisches Klassenbuch handelt, in das er täglich jene einträgt, die in diesem Land schlimm waren, was im Sinne von Unterbergers Schulordnung naturgemäß rote und grüne Mandatare, Gewerkschafter und prinzipiell alle sind, die der neoliberalen Klassendisziplin skeptisch gegenüberstehen.

Wenn sich Letztere auch noch einem Kulturverständnis hingeben, das sich mit dem des Oberlehrers nicht deckt, verschärft sich der Ton der Eintragung, da hört man das Rohrstaberl pfeifen. Als peinlich musste Unterberger neulich einen Radio-Auftritt des Burgtheater-Direktors Klaus Bachler ad notam nehmen. Was hatte der getan? Er macht sich über Theaterchefs lustig, die sich für die Auslastung ihres Hauses verantwortlich fühlen, und behauptet: "Wer heute sagt, wenn 's der Wirtschaft gut geht, geht es allen gut, ist entweder ein Verbrecher oder ein Idiot."

Normalerweise würde Unterberger eine solche Ruchlosigkeit, begangen an der Wirtschaft, mit einer Rüge und eventuell mit einem Hinweis auf die notorische Verantwortungslosigkeit von Künstlern in Fragen der Ökonomie abstrafen. In diesem Fall sah er sich zu einer schärferen Vorgangsweise genötigt - zu einer Attacke auf Bachlers logische Fähigkeiten. Also: Ruinieren wir die Wirtschaft, dann geht es laut Bachlers Logik den Menschen gut.

Selbstverständlich ist auch Unterberger klar, dass dieser Umkehrschluss den einfachsten Regeln jeglicher Logik widerspricht. Es handelt sich dabei um eine pure Unterstellung, um die diffamierende Abstrafung einer Direktoren-Intelligenz, die nicht bereit ist, die wirtschaftspolitische Phraseologie, der (auch) Unterberger huldigt, ungeprüft zu übernehmen.

Und weil noch Platz ist im Klassenbuch, schrieb Unterberger weiter: Die beiden Journalisten, die ihn interviewten, schwiegen zu dem Unsinn, den erst er aus der Sendung konstruierte. Sie hatten freilich schon genug damit zu kämpfen, hochdeutsch zu reden. Eh klar. Und weil im Klassenbuch noch immer ein wenig Platz frei war, wieder zurück zur Spezies Burgtheater-Direktor: Warum eigentlich können Burgtheater-Direktoren seit Jahren immer nur mit Dummheiten auffallen? Wollen sie damit übertünchen, dass ihr Theater nichts als gepflegte Langeweile verbreitet?

Wäre die Langeweile, die Oberlehrer Unterberger verbreitet, wenigstens gepflegt! Wie aber müssen sich etwa die Kandidaten für eine von ihm ins Leben gerufene Lehrredaktion vorkommen, denen er folgende Texte zur Fehlerkorrektur vorlegt: In der Debatte um die abtreibung neu wird ein eigenes Kappitel auch der In-Vino-Fertilisation gewidmet sein. Von kirchlicher Seite lente der Kardinal von Wien, Christof Schöbohrn dies fehement ab. Er will sich in diesen Frage auch mit dem Vorsitzenden der islemischen Kultusgemeinde kurzschlissen, den ja ganz ähnliche Ansichten und Überzeugungen zugeschrieben werden.

Ja, die Poldi-Huber-Schule des Journalismus ist hart, wie auch diese Übung zeigt: Staatsoperndirektor Bachler betonte das die nächste Premiere seinem Haus einen gewaltigen Erfolg beschneiden würde. Er nannte zahlreiche prominnente Sänger die im Mozarts Fidelio die hervorragendsten Schlüselrollen spielen würden. Als Dierigent möchte er Lucano Pavarotti engagiren, der schon in vielen Auftritten im Haus am Wäringer Gürtel absolviert hat. Pavarotti würde den Standart des Hauses deutlich übertreffen, also dem ohnedies schon hohen Nieveau.

Es muss seltsam um jemanden bestellt sein, der derlei Unfug konstruieren muss, um sich überlegen vorkommen und der Hoffnung frönen zu können, dass ein guter Redakteur unter dem Oberlehrer wird, wer sich solchen Zumutungen unterwirft.

Zuvor muss er nur noch einen Kommentar verfassen, bei dessen Thema die Gemütslage des Auftraggebers offenbar als stille Vorgabe mitschwingt: "Österreichisches Heimatgefühl zwischen Globalisierung, Zuwanderung, Identitätsverlust und Geburtendefizit". Und wenn er dann noch die Frage beantworten kann: Wer tätigte den Ausspruch von der "invisible hand"?, dann ist ein neuer Journalist mit dem Oberlehrer-Gen entdeckt. (DER STANDARD; Printausgabe, 25./26.10.2005)

Von Günter Traxler
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