"Stolz und Vorurteil": Parcours der falschen Kränkungen

26. Oktober 2005, 20:51
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Joe Wright hat Jane Austens "Pride and Prejudice/ Stolz und Vorurteil" für die Leinwand adaptiert

Im Rahmen des Kostümfilmgenres hat Wright überraschenderweise narrative Freiräume herausgearbeitet.

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Wien - Der wohl berühmteste Romananfang Jane Austens über die anerkannte Wahrheit, dass ein Junggeselle mit schönem Vermögen nichts Dringenderes brauche als eine Frau, taucht nicht auf. Dafür am Ende des Films wie aus dem Nebel, der sich über britische Grafschaften zu legen pflegt, eben jener reiche Adelige. Es erwartet ihn eine von Austens Heldinnen in der Morgensonne, und das Spiel der Irrungen und Wirrungen, der möglichen und verunmöglichten Liebe, wird seinem glücklichen Ende zugeführt.

Dem Werk Jane Austens heute vorbehaltlos zu begegnen ist beinahe unmöglich. Die Rezeptionsgeschichte hat die insgesamt nur sieben Romane der Pfarrerstochter zu Schulbuchklassikern degradiert, und zahllose Fernsehverfilmungen bilden den Nährboden für anstrengenden Originalwortlaut und angestrengte Wiesenromantik.

Das kleine Format hat sich Austens immer schon gerne angenommen, und die Kinoleinwand sich mit ihr immer schon schwer getan. Deshalb brauchte es auch dringend jenen neuen filmischen Blick, mit dem etwa Ang Lee in Sense and Sensibility mit unverhohlener Distanz Sehnsüchte in Gesichter einschrieb.

Diese Neuorientierung ist auch in Pride and Prejudice notwendig, weil von den Problemen des britischen Landadels, seine Töchter unter die Haube zu bringen, heute nur noch die literarische Finesse Austens bleibt, während den Figuren, die sich im gesellschaftlichen Labyrinth tummeln und verirren, jene Impulsivität etwa einer Charlotte Brontë fehlt, mit der gemeinhin das Ausleben von Gefühlen assoziiert wird.

So steht in Joe Wrights Verfilmung die Heldin angesichts emotionaler Abgründe an topografischen Klippen, oder es peitscht ihr in schicksalsträchtigen Momenten unbarmherzig Regen ins Gesicht. Pride and Prejudice erzählt bekanntlich die Geschichte von Elizabeth Bennet (Keira Knightley), zweitälteste von fünf Töchtern eines verarmten Landadeligen, die den reichen adeligen Junggesellen Darcy (Matthew MacFadyen) kennen lernt und nach einem Parcours der falschen Kränkungen und echten Unbills am Ende mit ihrer Vermählung ihrem Vater die Freudentränen in die Augen treibt.

Laken und Lakaien

Wrights Adaption des 1813 erschienenen Romans beschreibt das frühe 19. Jahrhundert in vorgefertigten Bildern und versucht erst gar nicht, aus dem engen Korsett der Kostümfilmpflege auszubrechen, wenn etwa Elizabeth zwischen Laken wandert, während Lakaien in Darcys Landsitz Tücher glatt streichen. Doch überraschenderweise gewinnt er dadurch auch narrative Freiräume und Spontaneität, und das sublim Verschachtelte bei Austen weicht einer Geradlinigkeit:

Kamerafahrten illustrieren versteckte Begehrlichkeiten und offene Abhängigkeiten, während Tanzfeste über soziale Verhältnisse mehr erzählen als zwanzig Romanseiten. Der Regisseur soll sich übrigens anfänglich gegen die angenehm zwischen Reserviertheit und Trotzigkeit changierende Knightley ausgesprochen haben, weil diese für die Rolle zu schön wäre. Nach diesem Film wissen wir aber: Austen-Heldinnen dürfen auch das sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.10.2005)

Von Michael Pekler

Jetzt im Kino
  • Verstrickt im Liebesspiel der Irrungen und Wirrungen: Keira Knightley und Matthew MacFadyen in Joe Wrights Verfilmung von Jane Austens "Pride and Prejudice".
    foto: uip

    Verstrickt im Liebesspiel der Irrungen und Wirrungen: Keira Knightley und Matthew MacFadyen in Joe Wrights Verfilmung von Jane Austens "Pride and Prejudice".

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