Die Heimkehr der Lipizzaner

11. November 2005, 15:28
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Die Rettung vor den Russen war nur eine der langen Fluchten in der Geschichte der Prunkpferde - Vor 50 Jahren kamen sie nach Wien zurück, eine Gala erinnert daran

Gegründet wurde das Lipizzaner-Gestüt im 16. Jahrhundert von Karl II., der von Graz aus Innerösterreich regierte. Dazu gehörten die heutigen Küstengebiete Sloweniens, in Lipica entstand, wie hunderte Jahre danach in Piber, das legendäre Gestüt. Der Bestand der "Kaiserschimmel", wie die Lipizzaner früher einmal hießen, war jedoch immer wieder gefährdet. Ein Beispiel: 1785 sandte Kaiser Joseph II. eine Kommission nach Lipica, um von dort aus finanziell günstigere Standorte für das kaiserliche Gestüt zu suchen. Es blieb beim Versuch.

Dramatischer wurde es während der napoleonischen Kriege. 1797 musste man dreihundert Pferde aus dem Karst evakuieren und nach Stuhlweissenburg in Ungarn bringen. Die Angst, Napoleon würde sie konfiszieren, war berechtigt. Ein Jahr später, nach dem Frieden von Campoformio, konnten sie zurückkehren. 1805 kam es zur zweiten Flucht vor Napoleon, diesmal nach Kroatien und Slawonien. 1809, bei der dritten Flucht – nach Ungarn – blieben die Pferde sechs Monate fern.

"Die Schimmerln"

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hatte man wenig Sinn für kaiserliche Prunkpferde. Sie schienen allenfalls dafür gut, die Ernährung der hungernden Wiener für ein paar Tage zu verbessern, zumal ein Teil der Lipizzaner ohnehin an die Tschechen und an die Italiener ausgeliefert werden musste. In dem klein gewordenen Österreich hatte kein Minister Interesse an den Lipizzanern. Weder der Verteidigungsminister noch der Unterrichtsminister wollte die Tiere in seinem Ressort haben. Nur Landwirtschaftsminister Josef Stöckler, ein Bauernsohn und Pferdefreund, soll den rührenden Ausspruch getan haben: "Na, wenn die Schimmerln niemand will, so nehm ich sie halt." So kamen die "Schimmerln" 1920 nach Piber.

Das aber war nicht die letzte Dramatik rund um die weißen Pferde. Im Zweiten Weltkrieg wurde ihnen ein neuer Platz zugewiesen: Hostau in Böhmen (heute Tschechien). Da die deutsche Wehrmacht in Hostau insgesamt tausend Lipizzaner aus den ehemaligen Ländern der Monarchie zusammengelegt hatte, wäre es den Sowjets in den letzten Kriegstagen ein Leichtes gewesen, die älteste Kulturpferderasse Europas auf einen Schlag auszulöschen.

Mut zur Rettung

Dass die Lipizzaner gerettet werden konnten, verdanken sie dem Mut einiger weniger, zu denen der damalige Gestütsleiter, Oberstleutnant Hubert Rudofsky, ein geheimnisvoller Oberst Walter H. und der Veterinäroffizier Rudolf Lessing gehörten, die sich auf dem Rücken der Rösser durch feindliche Linien schlugen.

Auf amerikanischer Seite standen Colonel Reed und General Patton, ein begeisterter Reiter und Olympiateilnehmer. Dass ein "pflichtbewusster" Nazi-General die "Kol^laborateure" noch in den ^allerletzten Kriegstagen nicht liquidieren ließ, war ein Glücksfall. Jedenfalls nahmen die Amerikaner nach chaotischen Verhandlungen Hostau ohne deutsche Gegenwehr ein. 300 Lipizzaner machten sich unter dem Schutz der Amerikaner wieder einmal auf die Flucht.

Am 15. Mai 1945 langten sie in Bayern ein. Die Hengste aus der Hofreitschule in Wien waren von Kommandeur Podhajsky nach Oberösterreich evakuiert worden. Dort trafen sie mit den Pferden aus Bayern zusammen. Österreich erhielt 215 Pferde aus Hostau zurück. Erst 1952 war die Herde wieder in Piber zu Hause.

Ein Film

Ein Kinofilm hat die Rettung der weißen Pferde weltweit bekannt gemacht. "Das Drehbuch war gut, ob es der Wirklichkeit entsprach, hat mich damals nicht gekümmert", sagte 1993 Leo Bei den Standard-Autorinnen anlässlich der Publikation einer Zeitungsserie über die Lipizzaner. Bei war 1962 als Kostümberater für Walt Disneys Film "Die Flucht der weißen Hengste" engagiert worden. Regie führte Arthur Hiller, Oberst Podhajsky, der damalige Kommandeur der Spanischen Reit 4. Spalte schule, wurde von Robert Taylor gespielt.

Der Wiener Leo Bei erinnerte sich, dass die roten Gala^uniformen einem historischen Stück nachgeschneidert wurden. Disney hat sie nach den Dreharbeiten der Spanischen Reitschule geschenkt. Die Roben der Damen schneiderte der legendäre Fred Adlmüller.

Für die Massenszenen auf der Flucht – die Lipizzanerherde, flankiert von amerikanischen Panzern – hatte man statt der kostbaren Wiener Hengste "Statisten" aus Lipica und sogar aus Italien geholt. Walt Disney war sogar persönlich nach Wien gekommen, um die Dreharbeiten zu überwachen. (DER STANDARD-Printausgabe 25.10.2005)

Ingeborg Sperl und Bettina Stimeder
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    Aus Angst vor den Russen blieben die Lipizzaner bis 1952 in Oberösterreich. Drei Jahre später kamen sie wieder nach Wien.

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