Das Engagement für bewegte Bilder

24. Oktober 2005, 18:33
2 Postings

Die filmkulturellen Aktivitäten in der Grenzregion zwischen Tschechien, der Slowakei und Ungarn sind eng verstrickt

Die südmährische Stadt Jihlava hat einen Stadtplatz, der 36.650 Quadratmeter umfasst und dessen vornehme Patrizierhäuser von einem besonders selbstbewussten Bürgertum zeugen. Nicht weit davon steht das ehemalige gewerkschaftliche Kulturhaus, ein massiver Zementblock aus den Sechzigerjahren, der die markanten Züge einer anderen, weniger weit zurück liegenden Epoche trägt.

Letzteres wird Ende Oktober jedes Jahres zum pulsierenden Zentrum eines Internationalen Dokumentarfilmfestivals. Die 1997 von einer Gruppe von fünf filmenthusiastischen Studenten gegründete Veranstaltung glich anfangs eher ähnlich gelagerten Events aus dem Popmusikbereich: Vorwiegend junges Publikum stürmte die Kinos und ruhte sich in mitgebrachten Schlafsäcken in provisorischen Unterkünften aus.

Wichtige Schnittstelle
Das Festival hat sich von diesem Charme viel bewahrt. Mittlerweile ist es aber auch zur international viel beachteten Schnittstelle für ost- und zentraleuropäisches Filmschaffen gewachsen. Mit „East Silver“ gibt es seit vergangenem Jahr einen Markt, der neben dem Festivalprogramm einen noch umfassenderen Überblick über aktuelle dokumentarische Tendenzen ermöglicht und zudem über ein Pitching Forum verfügt.

Marek Hovorka, der wahrscheinlich jüngste Direktor im Festivalzirkus, blieb dabei dem sympathischen Motto „Thinking through film!“ treu. Schon an den Specials der diesjährigen Ausgabe, die am 25. Oktober eröffnet wird, lässt sich die Vorliebe für experimentelle Ansätze ablesen: Der Franzose Jean-Pierre Gorin, den die Viennale bereits im letzten Jahr würdigte, die japanische Filmemacherin Naomi Kawase sowie der argentinische Dokumentarist Fernando Solanas stehen für eine ebenso politische wie eigenständige Auffassung von dokumentarischem Kino.

Jihlava ist allerdings bei weitem nicht die einzige filmkulturelle Initiative in dieser Region. Das Artfilmfestival im slowakischen Kurort Trenc¡ianske Teplice, nahe den Karpaten, widmet sich jeden Juli vornehmlich autorenorientierten Spielfilmen aus osteuropäischen Ländern, wobei besonderes Augenmerk auf den Nachwuchs gerichtet wird. Er rekrutiert sich aus der 1992 gegründeten Filmschule in Zlín nahe der tschechischslowakischen Grenze, aber natürlich auch aus der berühmten FAMU in Prag sowie aus den Filmhochschulen von Bratislava und Brünn.

Zwischen Tschechien und der Slowakei gibt es auch produktionstechnisch enge Kooperationen. Alice Nellis Roadmovie Výlet (Some Secrets, 1992), in dem eine Familie unwillig durch beide Länder pilgert, um die Urne des Großvaters zu begraben, ist einer der größten Arthouse-Erfolge, die aus dieser Allianz hervorgingen. An die Topographie der Grenzregion halten sich überdies etliche Dokumentarfilme: Der Slowake Péter Kerekes befasste sich schon öfters mit dem kleinen slawischen Schmelztiegel, etwa in 66 Seasons.

Grenzfestivals
In Ungarn gibt es gleich zwei Festivals, die der Hauptstadt Budapest Paroli bieten. Das Mediawavefestival in Györ operiert gattungsüberschreitend – neben der Filmschau werden eine Reihe von Konzerten abgehalten oder auch Ausstellungen organisiert. Erstmals im Mai 2005 wurde in Székesfehervár das Alba Regia Filmfestival veranstaltet, das aktuelle Spiel- und Dokumentarfilme in den Mittelpunkt rückt.

Verglichen mit diesen umtriebigen Aktivitäten mutet das filmkulturelle Engagement für die Nachbarländer im Raum Wien und Burgenland noch bescheiden an. Für den hohen Anteil heimischer Produktionen in den angrenzenden Festivals gibt es diesseits der Grenze kaum ein Äquivalent. Dafür muss man dann schon Ende April nach Linz fahren, zum Festival Crossing Europe, das dem zentraleuropäischen Filmschaffen hier zu Lande wohl am meisten Raum gibt.
www.dokument-festival.cz

Dominik Kamalzadeh
  • Ein junger Direktor mit klarem Profil: Marek Hovorka leitet
das Festival in Jihlava seit 1997
    foto: festival jihlava

    Ein junger Direktor mit klarem Profil: Marek Hovorka leitet das Festival in Jihlava seit 1997

  • Viel Stimmung in übervollen Kinosälen: Auf dem Dokumentarfilmfestival
von Jihlava ist das die Regel
    foto: festival jihlava

    Viel Stimmung in übervollen Kinosälen: Auf dem Dokumentarfilmfestival von Jihlava ist das die Regel

Share if you care.