Vassilakou im STANDARD-Interview: "Ein bisschen wie Weihnachten"

28. Oktober 2005, 12:01
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Von einer Obfrau-Debatte habe Maria Vassilakou "weit und breit nichts mitbekommen". Mit ihr sprach Peter Mayr

Sie habe sich am Wahlabend "mehr Geschenke erhofft – und weniger bekommen", sagt die Wiener Grünen-Chefin Maria Vassilakou. Von einer Obfrau-Debatte habe sie "weit und breit nichts mitbekommen".

STANDARD War das Ziel, der 2. Platz, "Wiener Übermut"?

Vassilakou: Es war sehr ambitioniert. Wer das Ziel so hoch legt, dass es geringere Chancen auf Erreichbarkeit gibt, geht das Risiko ein, dass es dann heißt, man habe es nicht erreicht. Aber: No risk, no fun.

Standard: Was bleibt: Die Grünen sind Vierte statt Zweite.

Vassilakou: Darüber, dass wir nicht Zweiter wurden, können wir diskutieren. Aber es gibt Anlass zur Freude, etwa dass wir mit drei Mandaten und einem Stadtrat mehr im Landtag vertreten sind.

Standard: Am Wahlsonntag wirkten sie aber angeschlagen.

Vassilakou: Wenn man 16 Prozent erwartet und knapp 15 schafft, kann es schon sein, dass man ein paar Stunden nicht gerade überglücklich ist. Ein Wahlabend ist auch ein bisschen wie Weihnachten. Ich habe mir sozusagen viel mehr Geschenke erhofft – und weniger bekommen.

Standard: Würden Sie rückblickend etwas an der grünen Wahlkampagne ändern?

Vassilakou: Wir sind mit fünf konkreten Inhalten in die Wahl gegangen, vielleicht waren fünf zu viel. Und was ich sehr oft erzählt bekommen habe: Sehr viele, die an unseren Dreieckständerplakaten vor beigefahren sind, konnten diese nicht lesen. Dadurch ist der Eindruck entstanden, dass keine Inhalte da sind – was ja nicht stimmt. Auf bessere Lesbarkeit werden wir achten.

Standard: Das Hauptthema der Kampagne war die Grundsicherung. Gepunktet haben die Grünen aber in den "wohlhabenderen" Bezirken ...

Vassilakou: ... was ja nicht so ein unübliches Phänomen ist, dass diejenigen, die am meisten von einer Maßnahme profitieren würden, oft gar nicht glauben, dass diese umsetzbar ist. Am Viktor-Adler-Markt habe ich mit vielen Menschen, die gemeint wären, diskutiert. Was ich bestürzend fand: Sie haben alle extrem das Vertrauen in die Politik verloren.

Standard: Haben die Grünen ihr Modell zu schlecht erklärt?

Vassilakou: Nein. Die Menschen haben es verstanden, glauben aber nicht an die Umsetzbarkeit. Daher ist es Aufgabe der Grünen die Grundsicherung umzusetzen. Und selbst der Bürgermeister hat sich ja in letzter Zeit aufgeschlossen gezeigt.

Standard: Viele Grüne fordern, dass das Parteiprofil geschärft gehört. War es das nicht?

Vassilakou: Bei den Grünen stellt sich immer die Frage. Wie schaffen wir es, Konzepte zu vermitteln. Hier sind wir im Nachteil gegenüber anderen Parteien.

Standard: Warum?

Vassilakou: Unsere finanziellen Mittel stehen in keiner Relation zu dem, was andere haben. Es ist eine diffizile Kunst, Inhalte mit so wenig Geld so pointiert zu formulieren, dass sie wirklich hängen bleiben.

Standard: Zum Schluss: Bleiben Sie Wiens Grünen-Chefin?

Vassilakou: Ja, von einer Obfrau-Debatte habe ich weit und breit nichts mitbekommen. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26. Oktober)

Zur Person: Maria Vassilakou,1969 in Athen geboren, ist seit 2004 Chefin der Wiener Grünen.
  • "Bei den Grünen stellt sich immer die Frage. Wie schaffen wir es, Konzepte zu vermitteln."
    foto: standard/cremer

    "Bei den Grünen stellt sich immer die Frage. Wie schaffen wir es, Konzepte zu vermitteln."

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