Eiserne Vorhänge fallen, samtene öffnen sich

24. Oktober 2005, 18:10
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Nicht nur „Hochkultur“ lockt in die Theater der Centrope-Region. Zwischen Brno und dem Plattensee floriert eine ebenso bunte wie freie Szene

Wien/Brno/Ceský Krumlov/Györ – Die Grenzen sind verwischt, nur bleiben in der Centrope-Region Fremdsprachenhürden zu meistern. Das soll aber nicht hindern, einen kulturinteressierten Hopser zu den Nachbarn zu wagen.
Brno ist eine rege Theaterstadt mit bunten Festivals und einer Theaterfakultät, die europaweit vernetzt ist. Alle zwei Jahre, Anfang November steht die zweitgrößte Stadt Tschechiens im Zeichen der Puppen. Das Marionettentheater „Radost“ (Freude) organisiert ein internationales Festival. 44 Mitarbeiter sind im Theater mit angeschlossener Puppenwerkstatt und Museum – wo die Marionetten seit der Gründung 1949 ausgestellt sind – angestellt und spielen für Puppenfans aus nah und fern.

Vernetzungen in der Region zu stärken, das ist das Anliegen von Sylvia Amman. Sie leitet die Austrian Czech Cultural Cooperation (ACCC), eine Plattform, die Netzwerke intensivieren will. Laut Amman soll die „grenzüberschreitende Zusammenarbeit so normal werden, wie die im Lande“. Mit „Miniprojekten“ – wie Jugendtheaterworkshops – will die ACCC „aufzeigen was möglich ist“, denn: „Sprachbarrieren müssen kein Hindernis sein, künstlerisch zusammenzuarbeiten“.
Das Theaterzentrum in Ceský Krumlov veranstaltet „erstmals“, laut Direktor Petr Vodica, das internationale „Miraculum“-Festival vom 20. bis zum 24. Oktober 2005, mit Umzügen, Puppentheater, literarischem Kabarett und Theaterstücken.

„Hohe“ Theaterkunst
Für seine besonderen „Eigenproduktionen“ ist das Divadlo Kvelb bekannt. „Wir wollen uns nicht in eine Schublade werfen lassen“, betont Theater-Leiter Pavel Lukas. Bewaffnet mit Jonglierbällen, imposanten Kostümen und langen Stelzen tourt die Truppe durch Tschechien und ganz Europa und führt Stücke wie „Gut macht Übermut“ in zwei Meter Höhe in 30er-Jahre-Kostümen auf.

Das „Divadlo Cara“, auch in Brno angesiedelt, entstand aus einer Studenten-Initiative der Theaterfakultät. Die 16 Schauspieler haben Stücke von Karel Capek und Oscar Wildes „Salome“ im Repertoire. „Wir versuchen, kleinere, aber modernere Sachen zu machen“, meint die Leiterin Alzbeta Nagyova. Ihre Truppe gastierte bereits in Linz. Sie liebt die Szene in Brno, weil sie „sehr abwechslungsreich aber familiär ist“. Das „Natrikrat“-Tanzfestival startet zweimal jährlich in Brno, einmal im Frühjahr, einmal im Herbst (diesmal 24. bis 26. Oktober). Unterschiedliche Gruppen, meist aus Prag und Bratislava, bereichern das Programm, und man bemüht sich auch, „Leute aus dem Ausland einzuladen“, sagt Florian Tilzer. Er organisiert das Festival in einem kleinen Theater, dem „Barka“, wo etwa 160 Leute einen Sitzplatz finden. Seine eigene Truppe „Filigrán“ existiert seit zehn Jahren. „Davon leben kann niemand von uns“, sagt er. Die Situation sei „sehr schwierig“.

Ein bisschen „alternativer“ ist die Truppe „Husa na provazku“ (Gans an der Leine). Sie ist in ganz Tschechien bekannt und spielt zumeist zeitgenössische Stücke, etwa von Felix Mitterer. Doch im Repertoire befinden sich auch Werke von Dostojewski. Markenzeichen der „Gans“ sind, laut Selbsteinschätzung, „experimentelle“ Inszenierungen.

Petr Gazdik, Leiter des modernen Brünner G-Studios, pflegt nicht nur intensive Kontakte zu den slowakischen Schauspielern, die bei ihm auftreten: „Im Orchester spielen auch österreichische und ungarische Musiker.“

Die west-ungarische Stadt Györ hat sich wiederum mittlerweile einen Namen in Sachen Ballett gemacht: Das liegt vor allem am Ensemble des Nationaltheaters, welches Kritiker wie Publikum regelmäßig zu Begeisterungsstürmen hinreißt.

„Handbuch grenzüberschreitende Kulturkooperation“ kostenlos auf www.ac-cc.net
www.kvelb.com

Von Jan Marot
  • Seit 1949 zeigt das Marionetten-Theater „Radost“ in Brno Freude und Leid mit handgefertigten Puppen an Fäden und tourt damit von Frankreich bis nach Japan

    Seit 1949 zeigt das Marionetten-Theater „Radost“ in Brno Freude und Leid mit handgefertigten Puppen an Fäden und tourt damit von Frankreich bis nach Japan

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