Blick in den Wasserspiegel

24. Oktober 2005, 17:29
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Der chinesische Dokumentarfilm "Yan Mo – Before the Flood" über die dramatischen Auswirkungen des Dreischluchtendamms

Die Stadt Fengjie gilt in China als Ort der Poesie. Malerisch liegt sie an den schroffen Ufern des Jangtse. Eine steile Treppe führt hinunter zum Fluss. Die Lastenträger haben einen harten Job. Doch inzwischen ist dies alles Vergangenheit. Fengjie liegt unter Wasser, seit der Dreischluchtendamm fertig gestellt ist. Unaufhörlich steigt nun das Niveau des riesigen Stausees, der am Jangtse entsteht. Sukzessive verschwinden Dörfer und Städte von der Landkarte, während das größte Energiegewinnungsunternehmen der chinesischen Geschichte sich Raum verschafft.

In dem Dokumentarfilm "Yan Mo – Vor der Flut" von Yan Yu und Li Yifan wird Fengjie zum Symbol für die Konfrontation zwischen Technokratie und Kultur, zwischen Zentralregierung und lokaler Politik. An dem einen Ende der Befehlskette, von dem Yan Yu und Li Yifan keine Bilder haben, wird in Kilowattstunden und großen Sprüngen gerechnet. An dem anderen Ende der Politik, dort, wo Yan Yu und Li Yifan sich mit ihrer leichten Digitalkamera an die Arbeit gemacht haben, finden sich die individuellen Geschicke, auf die in der Planung niemand Rücksicht nehmen kann.

Natürlich hat der Staat auch Sorge getragen für die Menschen, die ihren Wohnort verlieren, ihre Arbeit oder einfach einen Platz, an dem das Herz hängt. Es gibt Entschädigungen und neue Wohnbauten. In einer der eindringlichsten Szenen in "Yan Mo" werden in einer riesigen Halle die Wohnungen verlost, die den Menschen von Fengjie für einen Neubeginn zur Verfügung gestellt werden. Es ist eine anonyme Prozedur, von oben herab und an den Bedürfnissen vorbei. Dort, wo die Menschen ihren Unwillen zum Ausdruck bringen können, vor einem lokalen Kader, herrscht schnell das pure Chaos. Alle rufen durcheinander, der Beamte beruft sich auf die Vorschriften, die Filmemacher sind mit ihrer Kamera mitten im Tumult.

Sie stehen in einer Tradition des Direct Cinema. Die Möglichkeiten einer "unsichtbaren" Beobachterposition werden hier perfekt ausgeschöpft. Zugleich lassen die beiden jungen Filmemacher aber auch viele Personen aus der Masse heraustreten, ihren eigenen Fall vortragen, und die Strategien erklären, mit denen sie sich auf die große Transformation einrichten.

"Yan Mo – Before the Flood" ist zugleich eine sehr spezifische und eine universale Geschichte: Das wird besonders deutlich an einer christlichen Gemeinde, deren Gotteshaus relativ neu ist, und nun schon wieder verlegt werden soll. Die Christen sind ihrer prekären Beziehung zu den offiziellen Stellen wegen in einer schwierigen Lage – sie möchten Ansprüche geltend machen, müssen sich aber auch pragmatisch zeigen. Währenddessen steigt schon das Wasser. Die Opfer des Fortschritts bekommen bei Yan Yu und Li Yifan ein Gesicht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.10.2005)

Von
Bert Rebhandl

25.10., Stadtkino, 19.00
  • Artikelbild
    foto: viennale
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