Ein Königsdrama

24. Oktober 2005, 17:43
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Die letzten Jahre von François Mitterrand als Verführungsspiel: Robert Guédiguians "Le promeneur du Champs de Mars"

Der französische Regisseur Robert Guédiguian verlässt sein angestammtes Terrain in Marseille und wagt sich mit "Le promeneur du Champs de Mars" an die Fiktionalisierung der letzten Jahre des Politikers François Mitterrand.


Der französische Regisseur Robert Guédiguian, studierter Soziologe, war bisher für seine in Marseille angesiedelten, mit einem Stammensemble erarbeiteten sozialrealistischen Milieustudien bekannt. Mit "Le promeneur du Champs de Mars" hat er nun nicht nur den Ort und das Milieu gewechselt, sondern sich gleichzeitig auch die schwierige Aufgabe auferlegt, eine historische Persönlichkeit zu inszenieren, die in Frankreich auch fast zehn Jahre nach ihrem Ableben noch sehr gegenwärtig ist.

Guédiguians Film ist denn auch keine herkömmliche Filmbiografie – zum einen setzt er in seiner narrativen Offenheit auf ebenjene nachhaltige Präsenz und auf die (Vor-)Kenntnisse des Publikums. Zum anderen fungiert ein junger Historiker, dessen Treffen mit dem greisen, krebskranken Mitterrand die Basis für ein Buch bilden sollen, als Zwischeninstanz, die den Blick auf den Präsidenten vorformatiert.

Antoine Moreau (Jalil Lespert – auch schon in Xavier Beauvois' "Le petit lieutenant" bei der Viennale zu sehen) macht regelmäßige Besuche im Elysée-Palast, er begleitet den Präsidenten auf Reisen oder ist bei Zusammenkünften im kleinen Kreis zugegen. Diese Begegnungen stehen stets auch im Zeichen einer bewussten Selbstdarstellung seines Gegenübers – die Frage der Authentizität wird somit gleich doppelt gebrochen.

Auch für den jungen Mann gibt es ein reales Vorbild, den Autor Georges-Marc Benamou, dessen Veröffentlichungen über Mitterrand, unter anderem im Zusammenhang mit dessen Rolle während des Zweiten Weltkriegs, in Frankreich Ende der 90er-Jahre für einige Kontroversen sorgten. Im Film wird dieses Thema anhand der Recherchen rund um die entscheidende Datierung eines Fotos gestreift.

Guédiguian ist jedoch weniger an der Aufdeckung von Fakten, an der posthumen Korrektur (oder dem Sturz) eines Denkmals interessiert – vielmehr geht es im Film etwa um das Verführungsspiel zwischen den beiden Männern, um das souverän ausgespielte manipulative Vermögen des Älteren, dem sich sein pflichtbewusster, stets in leichter Verunsicherung gehaltener Chronist nur bedingt zu entziehen weiß.

Ende einer Ära

Er beschreibt weiters die Diskrepanz zwischen den beiden, in der auch Klassenunterschiede – zwischen dem aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammenden Historiker und dem großbürgerlichen Habitus des Präsidenten – zum Tragen kommen. Sowie das Ende einer Ära und des damit verbundenen Verständnisses von Politik und deren Repräsentanten: "Nach mir wird es nur noch Financiers und Buchhalter geben."

"Le promeneur du Champs de Mars" ist somit nicht zuletzt großes Schauspielerkino: Michel Bouquet brilliert in seiner Rolle – die er nicht selten wie eine Figur aus dem klassischen Bühnenrepertoire anzulegen scheint – als öffentlicher Redner, als Meister der Konversation, als Souverän, der dem Jüngeren nach Belieben die Gunst seiner Nähe gewährt und wieder entzieht.

Zugleich setzt der Film immer auch die Entourage ins Bild (den Arzt, den Leibwächter, die Sekretärin ...). Auf eine flammende Rede des Präsidenten rückt ein Umschnitt "das Volk" in den Blick. Und anders als bei vergleichbaren US-Produktionen hat man dabei weniger den Eindruck, es ginge nur um bildfüllende Staffage – vielmehr manifestiert sich darin eine Distanz zur Realität, die nicht zuletzt auch eine filmische ist. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.10.2005)

Von
Isabella Reicher

25. 10., Gartenbau, 18.00

26. 10., Metro, 18.30

  • Artikelbild
    foto: viennale
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