Vom Niemand, der auszog, um Bob Dylan zu werden

24. Oktober 2005, 17:44
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Als das Singen noch geholfen hat: Martin Scorseses dreieinhalbstündige Dokumentation "No Direction Home"

Als das Singen noch geholfen hat: In der dreieinhalbstündigen Dokumentation "No Direction Home" schildert Regisseur Martin Scorsese die Odyssee des Robert Zimmerman aus Minnesota zum umstrittenen Rock-Poeten, zur Stimme einer rebellischen Generation.

"Verräter", schreit ein Mann aus dem Konzertpublikum, als Bob Dylan die elektrifizierte Version eines Folksongs anstimmt. Es ist das Jahr 1965, der Wendepunkt in der frühen Karriere des Songschreibers. Von diesem Jahr ausgehend führt Regisseur Martin Scorsese in seiner Filmdokumentation "No Direction Home" zu Dylans Anfängen zurück und erzählt dessen Werdegang als Odyssee eines Außenseiters.

Es ist die Geschichte des Robert Zimmerman aus einem Bergbaukaff in Minnesota, für den die politisch engagierten Lieder Woody Guthries zum Erweckungserlebnis wurden. Mit 19 zog er mit seiner Gitarre als Unbekannter nach New York; nur zwei Jahre später stand er, als der schwarze Prediger Martin Luther King bei einer Massenrallye in Washington seinen Traum vom Ende der Rassentrennung verkündete, neben ihm. Naiv und doch berührend intonierte er "Blowing in the Wind", schon das Sprachrohr der friedensbewegten Generation. Doch als Dylan, der als Künstler nie irgendwo endgültig ankommen wollte, zur elektrischen Gitarre griff und vom Zeitgeist inspirierte Wortkaskaden herausschrie, sorgte er in der Folkszene für Aufruhr. Im Juli 1966 beendete ein schwerer Motorradunfall diese Lebensphase Dylans abrupt.

Scorseses Story

Scorsese und seinem Cutter David Tedeschi standen für die Doku hunderte Stunden an Archivmaterial zur Verfügung, darunter zeitgeschichtliche Sequenzen, Interviews mit Joan Baez, Pete Seeger sowie mit zwei inzwischen verstorbenen Protagonisten, dem Beat-Poeten Allen Ginsberg und Dylans Mentor Dave van Ronk. Ein gealterter, zerfurchter Dylan erzählt, wie in seinem Buch "Chronicles" mit leichter Ironie, über die alten Zeiten. Dieses Interview hat, eher ungewöhnlich, sein eigener Manager Jeff Rosen geführt. Scorsese, der auch Konzertmitschnitte aus Dokus von D.A. Pennebaker und Murray Lerner verwendete, sagt, er selbst habe mit Dylan nie über den Film gesprochen. Zwischen der Arbeit an den Spielfilmen "Gangs of New York" und "The Aviator" verwob er die Elemente der Dylan-Doku zu einem Erzählstrang. Den Rhythmus gibt die Musik vor.

Countrysongs begleiten die Zeitreise in die 50er-Jahre von Hibbing in Minnesota, wo Angst vor einem Atomkrieg herrschte und es im Winter für Rebellionen viel zu kalt war. Nur über schwach empfangbare Radiosender drang aufregende Musik zu Zimmerman durch. Ihm wurde klar, dass er sich am falschen Ort befand. In Minneapolis, wo er an der Uni inskribierte, aber nicht studierte, hörte er schwer erhältliche Folkplatten, borgte sich vom walisischen Poeten Dylan Thomas den Namen und spielte Songs von Guthrie. Damit war er erst recht ein Exot, der woanders hingehörte: nach New York.

Fackel der Freiheit

Im Greenwich Village habe es damals "eine Explosion der Freiheit" gegeben, schildert Allen Ginsberg. Schräge Künstler stellten aus, Beat-Poeten traten in Cafés auf, dazwischen spielten Folksänger ihre Songs. Nachher sammelten sie Geld im Publikum, das sich von den Typen auf der Bühne kaum unterschied.

Im Winter 1961 kam Bob Dylan in New York an, lebte von nichts und ein paar Liedern – aber er lernte schnell. Verabscheuten die Folkies um ihn das Geldverdienen, so hatte er bald einen Plattenvertrag der großen Columbia und einen cleveren Manager, der geglättete Versionen von Dylans Folkhymnen zu Hits machte.

Dennoch war Ginsberg klar, dass mit Dylan und seinen zeitkritischen Liedern eine neue Generation die von den existenzialistischen Beat-Poeten entzündete Fackel weitergetragen hatte. Und auch von den Medien wegen Kommunismusverdacht geschnittene Folkheroen wie Pete Seeger nahmen Dylan als einen der ihren auf. Joan Baez, damals einer singenden Nonne gleichend, wurde seine Partnerin.

Umso größer war ihr Schock, als Dylan 1965 zum kommerzfreien Folkfestival in Newport mit einer Rockband anrückte. Sein Song von Maggie's Farm, auf der er nicht mehr arbeiten wolle, klang plötzlich nicht wie eine Absage an Konzerne, sondern an die starre Folkgemeinde. Das Publikum buhte; Pete Seeger verlangte nach einer Axt, um das Stromkabel zu kappen.

Scorsese, der ein Jahr älter als Dylan ist, von ihm aber erst Notiz nahm, als 1965 "Like a Rolling Stone" aus den Radios brüllte, verengt von da an den Blick auf das Martyrium eines Unverstandenen (als ob Dylan nicht gerade damals Weltruhm erlangt hätte).

Zwischenrufe stören überall die Auftritte, Teenager gehen Dylan kreischend um Autogramme an und kurz geschorene Reporter in grauen Anzügen bombardieren ihn mit blöden Fragen: "Was ist die Botschaft Ihrer Lieder?" Dylan: "Welche Botschaft?"

"Wie viele 'Prostestsänger' gibt es in Amerika?" – "Ungefähr 136." Und dann, gefragt, ob er eher Sänger oder Dichter sei, die legendäre Antwort: "I am a song and dance man."

Dass Dylan damals erst sieben von – laut bobdylan.com – insgesamt 47 Alben aufgenommen hatte und seit 1988 auf einer "Never Ending Tour" ist, lässt die Doku aus. Sie verharrt in den Sixties und zeigt einen Dylan, der sich über die Buhrufe offenbar amüsiert.

Aber nicht immer: "Judas!", ruft im Mai 1966 beim Konzert im britischen Manchester einer aus dem Publikum. "Ich glaube dir nicht, du bist ein Lügner", schreit Dylan zurück. Er dreht sich zur Band um und gibt ihr zornig den Einsatz zu "Like a Rolling Stone": "Play it fucking loud!" (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.10.2005)

Von
Erhard Stackl

25.10., Gartenbau, 20.30

Ab 10. 11. auf DVD erhältlich.

  • Artikelbild
    foto: viennale
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