Auf nach Burundi

24. Oktober 2005, 18:08
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Die „Drehscheibe in den Osten“ war gestern – „Knoten“ in ganz selbstverständlich gewachsenen Netzwerken sind heute. Man definiert sich nicht länger über die gemeinsame Wurzelsuche, sondern schreitet lustvoll darüber hinweg. Kultur in Centrope – eine Expedition

„Burundi“ liegt in Bratislava und ist nach eigener Auskunft „auch so ein Knoten im Netzwerk der Räume und Communitys, aus denen die verknüpfte Welt aus Kunst, Wissenschaft und Technologie besteht“. Burundi informiert seine Mitnetzwerker nebenher über neue Bücher, etwa, wenn ich es im Mischmasch aus Slowakisch und Englisch korrekt deute, die slowakische Übersetzung von „Mediologie“ des Wiener Medientheoretikers Frank Hartmann.

„C3“ in Budapest hingegen hatte ursprünglich wenig mit Kunst zu tun, sondern sollte ab 1996 Bürgerinitiativen in Osteuropa kostengünstig ans Internet anschließen. Doch damit war der Grundstein für das „C3 Center for Culture & Communication“ gelegt, eine wichtige Schnittstelle zwischen Kunst, Experiment, Wissenschaft und Technologie. Zu den Mitbegründern von „C3“ zählt neben der George-Soros-Stiftung die ungarische Filiale des legendären Hightechunternehmens Silicon Graphics. Dabei fällt die prominente Rolle privater Investoren und Stiftungen von Soros bis zur Erste Bank oder Karlheinz Essl ins Auge.

Baumax ist bekanntlich eine Baumarktkette, aus der sich die Kunstsammlung ihres Gründers Karlheinz Essl finanziert, der unlängst gemeinsam mit Kunstjuroren zwischen Prag, Bratislava, Budapest, Ljubljana, Zagreb und Wien in einem Bus unterwegs war, um aus 50 Nominierungen die Preisträger – junge Künstler aus dieser Region – für einen neuen „Essl Award“ zu bestimmen, die ab 10. November in Klosterneuburg zu sehen sein werden, was nicht nur zeigt, dass die kulturelle Vernetzung der Region längst im Mainstream angelangt ist.

„Crossroads“ ist „in“
Alexander Horwarth, der Direktor des Wiener Filmmuseums, winkte im Vorjahr als Reaktion auf die Frage, ob er nicht zum 40. Gründungsjubiläum seines Hauses ein Zentraleuropafestival machen wolle, rasch ab: „Das ist doch schon so sehr in Mode!“ Viel interessanter ist, wie selbstverständlich diese „Crossroads“ geworden sind. Der trendigen Vienna Fashion Week blieb es unlängst vorbehalten, sich noch einmal ganz im alten Kulturvermittlerjargon als „Drehscheibe zu den Nachbarstaaten in Zentral- und Osteuropa“ zu definieren, was sich jedoch in der „Erste Bank Fashion Night“ von Litauen, Polen, Tschechien, Mazedonien und Slowenien her abspielte, hatte mit den alten Sonntagsreden vom „Brückenbauen über die Grenzen und Kulturen hinweg“ gar nichts mehr am Hut. Marjan Pejoski, der Modeschöpfer aus Mazedonien, dem Land, das neben Rumänien wohl am gnadenlosesten unter generellem Folkloreverdacht zu leiden hat, präsentierte in Wien eine Frühlings- und Sommerkollektion als „melange of all things that make Great Britain cool. The influences are UK street cultures from skinheads, punks, mods and teddy boys“.

Es hat sich viel getan in Centrope seit der Wende vor sechzehn Jahren. Die geografische Reisestrecke von 50 bis 300 Kilometern zwischen den wichtigsten Zentren war dabei das kleinste Hindernis. Ein wenig Erinnerungshilfe ist angebracht.

Es war wohl tatsächlich wichtig, dass erst einmal, in den frühen Neunzigerjahren, unter oft abschätzigem Schulterklopfen, ein aus Budapest engagierter, nicht sehr glückhafter Loránd Hegy in Wien auf Moderne Kunst „von dort“ verwies oder dass in der Bonner Bundeskunsthalle zentnerschwere Ausstellungskataloge über die Kunst der Moderne in Zentraleuropa die wenig interessierten Medienvertreter fußlahm machten oder dass in Prag, Budapest, Bratislava und Ljubljana die jeweilige landesspezifische Moderne – häufig mit viel Pathos – für ein touristisches Publikum aus dem Keller geholt wurde.

Wien entdeckte unterdessen seine eigene, alte, multikulturelle Vergangenheit wieder, vom Minderheitenerbe kroatischer Siedlungen und solcher der Roma im Burgenland bis zum unausweichlichen Lob auf die hohe Qualität der Opernaufführungen in Bratislava (und der gnadenlos nachgeschobenen Anekdote, wie man noch in den Zwanzigerjahren mit der Straßenbahn nach Preßburg zur Oper wie auch zum Heurigen fuhr). Vermutlich waren diese Girlanden so unausweichlich wie notwendig.

Allein, eine neue Generation von Künstlern wie auch ein junges Publikum schreiten nun darüber hinweg. Seit einigen Jahren zählt es zu den schönen Selbstverständlichkeiten wie in Wien, dass in Bratislava oder Budapest junge, neugierige Leute aus allen Teilen der Region, und weit über die aktuellen Grenzen der Europäischen Union hinaus, ankommen, um zu studieren, zu jobben oder gleich den Realitycheck für ihr Talent zu suchen.

Ein Hauch von N.Y.
Wer Augen und Ohren offen hält, wird an öffentlichen Orten mitunter zum Ohrenzeugen von Tippbörsen über Arbeitsmöglichkeiten und strenge Assessments dieser oder jener Einrichtung. Beeindruckend ist, wie geradlinig hier Urbanität funktioniert. Es hat einen Hauch von New York: Leute kommen an, wissen genau, was sie können und was sie wollen, und suchen nach den Möglichkeiten, dies umzusetzen.

Lehrende an der Universität bemerkten ab den späten Neunzigerjahren den plötzlichen, spannenden Zustrom von Studierenden aus der Slowakei, aus Ungarn, Polen, Serbien und Bosnien-Herzegowina. Dabei geht es um keine Idyllen, sondern um mitunter schwierige Transfers, wenn, über die EU Grenzen hinaus, Aufenthaltsbeschränkungen und prekäre Lagen in der Herkunftsregion Barrieren und Konflikte ins Bild bringen, bei denen Kunst rasch mitten im Spannungsfeld der Politik steht.

Es ist nahe liegend, wenn eine neue Publikation wie das „spike art quarterly“ aus Wien seine Erkundungen auf den Balkan ausweitet und nach aktueller Kunst in Orten wie Pris¡tina oder Tirana sucht, dabei aber auf solide Vernetzung mit Cafés und Comicshops in Albanien ebenso wie mit „Burundi in Bratislava“ oder der österreichischen Künstlerin Flora Neuwirth als heimischem „link“ baut. Es bleibt eine alte, wenngleich schale Erfahrung, dass die Künstler und ihre Vermittler sich längst austauschen, während selbst interessiertes Publikum noch meint, es gebe „nix Neues“.

Das liegt natürlich auch – aber nicht nur – am Dschungel der Sprachen in dieser kleinteiligen Region. Zwar mühen sich wunderbare Einrichtungen, Pfade durch diesen Wald zu legen. Alle kennen (und wenige lesen) das ehrwürdige Lettre International. Und die wöchentliche Magazinrundschau des kostenfreien Online-Dienstes Perlentaucher fasst jeden Montag die wichtigsten Essays aus der Gazeta Wyborcza, der ebenfalls polnischen Polityka (diese Woche etwa: „Die Schriftstellerin Dorota Maslowska beschreibt ihre Eindrücke von einer Autorenreise nach Moskau“), der ungarischen Orange Magyar Narancs oder aus dem schwer auszusprechenden Elet es Irodalom zusammen („Ein Vergleich linker Parteien in Deutschland und Ungarn ergibt für den Philosophen und Gesellschaftstheoretiker Gaspar Miklos Tamas, dass die ungarische Linke gar nicht existiert“).

Knoten erwünscht
Aber die Links führen notgedrungen ins ungarische oder polnische Original, was vielen von uns – über den gewiss wichtigen Fingerzeig hinaus – nicht wirklich weiterhilft. Vielleicht hilft das Hoffen, etwa auf einen guten, brauchbaren Veranstaltungskalender für die Region und natürlich auf all die Leute, die voll Neugierde und Energie „auch so einen Knoten im Netzwerk“ betreiben. Also auf nach Burundi!
Weiterführende Links:

Burundi

Gallerie HIT Bratislava

Gallerie a4, Bratislava

Essl Award

Marjan Pejoski

Fashionweek

Kontakt Magazin, Erste Bank

C3, Budapest

Perlentaucher

Die Springerin

Rüdiger Wischenbart, Journalist und Berater, mehrere Bücher über Kultur in Zentral- und Südosteuropa. www.wischenbart.com"
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  • Kultur in Centrope, das ist Rock & Roll, Tanz & Theater, Bild & Ton, Spiel & Spaß. „Crossroads“ ist längst in Mode. Trotz Sprachbarrieren

    Kultur in Centrope, das ist Rock & Roll, Tanz & Theater, Bild & Ton, Spiel & Spaß. „Crossroads“ ist längst in Mode. Trotz Sprachbarrieren

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