Staatsopernjubiläum: Holender will auch an Opfer erinnern

3. November 2005, 19:10
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Wiedereröffnung des Hauses auch Symbol des gleitenden Übergangs

Wien - Der heutige Staatsoperndirektor Ioan Holender hat die Wiedereröffnung der Staatsoper 1955 aus der Ferne mitverfolgt, als 20-Jähriger in seinem Geburtsland: "Der 'Fidelio' wurde auch in Rumänien gesendet", erinnert er sich, "1955 war ein Jahr der internationalen Entspannung nach dem Korea-Krieg. Die Wiedereröffnung der Oper hat für uns auch bedeutet: Die Russen haben Österreich frei gegeben. In unserer Naivität haben wir gesagt: Wenn die Russen Österreich frei gegeben haben, das unendlich wichtiger ist als unser armes Rumänien, dann sind wir sicher die Nächsten. Das war eine ganz große Hoffnung."

Wahrnehmung eines freien, souveränen, wiedererstandenen Österreich

Auf der ganze Welt habe man die Eröffnung nicht nur als künstlerisches Ereignis rezipiert: "Es war auch die Wahrnehmung eines freien, souveränen, wiedererstandenen Österreich. Es war aber auch ein Wiederfinden des Selbstbewusstseins der Österreicher. Sie haben aus eigener Kraft ihre Oper wiederaufgebaut. Die Entbehrungen und Opfer für den Wiederaufbau dieses Hauses wurden ohne Widerspruch mitgetragen. Die Kosten betrugen immerhin mehr als zehn Prozent der gesamten Kosten des Wiederaufbaus der öffentlichen Einrichtungen." Jene 260 Mio. Schilling entsprächen heute rund 100 Mio. Euro, rechnet Holender vor, sieht sich aber außer Stande, eine Einschätzung abzugeben, ob die Staatsoper heute mit ähnlicher Unterstützung aus der Bevölkerung rechnen könnte: "Wir können nicht unvergleichbare Situationen mit einander vergleichen."

Burgtheater erinnerte an Wandlung zum europäischen Gedanken und zur Weltoffenheit

Im Burgtheater hatte man bei der Gedenkveranstaltung zur Wiedereröffnung die Wandlung vom Patriotismus zum europäischen Gedanken und zur Weltoffenheit betont. In der Staatsoper nahm man, abgesehen von den Reden von Bundespräsident und Bundeskanzler, von heutigen politischen Statements Abstand: "Ich bin der Meinung, dass wir Kunstermöglicher in erster Linie durch Qualität bewegen müssen", sagt der Direktor, "Ich bringe Teile der sechs ersten Opern von damals, weil ich die Künstler in den Vordergrund stellen, aber ebenso daran erinnern wollte, was damals geschehen ist. Ich werde in meiner Rede auch an die Opfer erinnern, an die Veränderungen, die diese Willkür von 1938 gebracht hat, an den gleitenden Übergang der ersten zehn Jahre nach 1945, der sich natürlich auch bei der Eröffnung widergespiegelt hat." Die Ernennung von Karl Böhm, dem letzten Staatsoperndirektor vor dem Sturz des NS-Regimes, zum ersten Direktor der wiedereröffneten Staatsoper zähle dazu - "auch, wenn das manche nicht gerne hören."

"Dirigenten wie Bruno Walter, Kleiber, Klemperer, Busch wurden zwar teilweise eingeladen für symbolische Konzerte, aber einen Posten entsprechend ihrer Fähigkeiten hat Österreich ihnen genauso wenig angeboten wie anderen. Die Ausgegegrenzten und Verfolgten wurden übergangen. Das ist keine Anklage, wir erinnern nur. Die jungen Leute von heute sollen wissen, was geschehen ist. Sie sollen aber auch wissen, was nicht geschehen ist", sagt Holender, der auch daran erinnern möchte, dass im März 1938 30 Ensemblemitglieder die Staatsoper aus politischen Gründen verlassen mussten. "Ich möchte keine Urteile sprechen, aber das Haus steht offener und reiner da, wenn man eine klare Stellung zu diesen Dingen bezieht." (APA)

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