Venus Express: Die Mission kann beginnen

31. Oktober 2005, 12:33
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Der Start ist zwar um einige Tage verschoben - aber irgendwann im noch bis 24. November offenen Zeitfenster wird die europäische Raumsonde wohl abheben

Die Thermalisolierung einer Raumsonde muss zwei Eigenschaften besitzen, damit sie sich überhaupt so nennen darf: die Wärme nach außen reflektieren und nach innen isolieren. Klingt einfach, ist aber recht aufwändig in der Herstellung, wie Bernhard Eichinger von Austrian Aerospace versichert. Das Unternehmen aus Wien Meidling stellte für Venus Express wie auch schon für frühere Missionen der European Space Agency (ESA) diese "Außenhaut" der Sonde her.

"Die Anforderungen", erzählt Eichinger, sind freilich nie die gleichen: Die demnächst durch das All fliegende Sonde benötigte zum Beispiel einen stärkeren Schutz als Mars Express. Das heißt: Die metallisierten Kunststoffschichten der Thermalisolierung müssen weit mehr aushalten. Der Grund: Auf der Venus herrschen aufgrund von einem außer Kontrolle geratenen Treibhauseffekt höllische Temperaturen, die eine Landung wie auf dem Mars unmöglich machen würden und natürlich auch auf einem Satelliten, der um den Planeten kreist, Einfluss haben. 1956 wurde durch Radar eine Temperatur von 400 Grad Celsius auf der Oberfläche gemessen. Mittlerweile weiß man, dass es etwa 470 sind.

Die Entwickler von Austrian Aerospace entwerfen den Isolationsschutz auf Basis detailreicher Messungen. Die ideale Beschichtungsdichte findet man durch Tests im Reinraumlabor heraus. Die Dreidimensionalität der Außenhaut wird mithilfe von Computersimulationen vorgefertigt. Genaue Berechnungen werden angestellt, um mit möglichst wenig Abfall die Sonde "verpacken" zu können. Eichinger: "Man muss sich das so wie eine Schuhschachtel vorstellen. Da wird auch ganz genau geschaut, wie man die Form der Schachtel aus dem Karton ausschneidet." Wobei das Material von Austrian Aerospace wohl doch wesentlich widerstandsfähiger ist.

Komplexe Aufgabe

Sowohl der Technologiebeitrag des Meidlinger Unternehmens als auch jener des Instituts für Weltraumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften - hier wurden Magnetometer für Venus Express gebaut - weisen auf zwei Charakteristika der Venus hin: große Hitze und ein kaum existierendes Magnetfeld. Und sie sind dadurch auch von zentraler Bedeutung für die Mission: Die ESA will nämlich klären, wie es geschehen konnte, dass ein Planet, der der Erde in vielerlei Hinsicht ähnelt (siehe Wissen), sich so unterschiedlich zur Erde entwickelt und ein derartiger Hitzepol zum Beispiel wird.

Eine doch recht komplexe Aufgabenstellung, wenn man bedenkt, wie die Idee zu Venus Express 2001 entstanden ist: Die ESA suchte nach Möglichkeiten, das Design der Marssonde Mars Express für eine zweite, günstige Weltraummission neuerlich zu verwenden. Aus vielen Vorschlägen wurde dann die Mission zur Venus ausgewählt worden, weil sie nach Ansicht der ESA den größten wissenschaftlichen Nutzen erbringt. Und weil Europa noch nie dort war. Die letzte Raumsonde bei der Venus war vor gut 15 Jahren, die Magellan der amerikanischen Nasa, die nur mit einem einzigen Instrument ausgestattet war, einem Radar. Obwohl dieses Radar in der jahrelangen Missionsdauer fast den gesamten Planeten detailreich kartografierte, gibt es noch viel zu erforschen.

"Die Venus ist einerseits noch nicht gründlich erforscht, und andererseits stehen genau zu diesem Zweck diverse Instrumente bereit, die als Reserveinstrumente für die Mars-Mission entwickelt wurden", berichtete das Online-Nachrichtenservice Astro News über die Sparidee.

Die Pläne für Venus Express wären jedoch beinahe wieder fallen gelassen worden: Durch die Kürzungen im ESA-Wissenschaftsbudget hatten sich die Chancen für eine Realisierung der Venus-Mission deutlich verschlechtert. Venus Express wurde vom ESA-Wissenschaftsdirektor sogar schon gestrichen, weil dieser die Finanzierung und die Bereitstellung der Instrumente in der kurzen Zeit nicht für gesichert hielt.

Europas erstem Flug zur Venus steht nun keine halb leere Wissenschaftskasse mehr im Wege, jüngst aufgetretene Probleme haben andere Ursachen. Bei einer Inspektion entdeckten Arbeiter eine Verschmutzung auf der Wärmeisolation der Trägerrakete von Venus Express. Der für 26. Oktober geplante Start wird sich daher verschieben.

Nicht weiter tragisch, wie man in der Europäischen Weltraumagentur versichert. Hektisch braucht die ESA deswegen wirklich noch nicht werden: Das Startfenster erstreckt sich noch bis zum 24. November. Bis dahin wird die Rakete wohl abheben. (Peter llletschko/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. 10. 2005)

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    foto: esa/ducros
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