Haneke ist aus dem Oscar-Rennen

27. Oktober 2005, 13:19
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"Cache" von Academy abgewiesen, weil Dialog nicht vorwiegend auf Deutsch gedreht wurde - Fachverband protestiert, Regisseur verblüfft aber gelassen

Wien - Der österreichische Vorschlag für das Rennen um den Auslandsoscar 2006, Michael Hanekes "Cache", wurde vom Exekutivkomitee der Academy of Motion Picture Arts and Sciences aus formalen Gründen zurückgewiesen. Der auf Französisch gedrehte Film erfülle nicht das Kriterium, vorwiegend in der Landessprache des Entsendelandes gedreht worden zu sein, teilte der Fachverband der Audiovisions- und Filmindustrie der Wirtschaftskammer heute, Montag, die Entscheidung der Academy in einer Aussendung mit.

Fachverband: wesentliche künstlerische Leitung österreichisch geprägt

Der Fachverband, der den Film nominiert hatte, hat diese Regelauslegung in einer Protestnote zurückgewiesen. Der Film sei "ein zutiefst österreichischer Film", hieß es in der Aussendung. Neben dem österreichischen Finanzierungsanteil sei auch die wesentliche künstlerische Leitung österreichisch geprägt, etwa durch Hanekes Buch und Regie sowie durch Kamera, Dekor und Kostüm. Daher habe der Film nicht von Frankreich für den Auslandsoscar eingereicht werden können und gelte auch innerhalb Europas - etwa für den Europäischen Filmpreis - als österreichisch.

Bei "Klavierspielerin" wurde akzeptiert

Bei Hanekes teilweise in Wien gedrehter Jelinek-Verfilmung "Klavierspielerin", bei dem nach Ansicht des Fachverbands die gleichen Sachverhalte geherrscht hätten, ist von der Academy 2001 für das Rennen akzeptiert worden, betonte der Fachverband. Es sei "jahrelange Übung" gewesen, "Originaldialoge in anderen Sprachen als der des Entsendelandes zuzulassen, wenn die Geschichte eine andere Sprache logischerweise verlangt", so der Fachverband.

Haneke wurde für "Cache", in dem Daniel Auteuil und Juliette Binoche die Hauptrollen spielen, in Cannes als bester Regisseur geehrt, der Streifen erhielt dort noch zwei weitere Auszeichnungen.

Regisseur verblüfft aber gelassen: "Kann ich nicht nachvollziehen"

Der Regisseur des aus dem Rennen um den Auslandsoscar geworfenen österreichischen Filmes "Cache", Michael Haneke, kann diese Entscheidung "nicht nachvollziehen". "Ich war genauso verblüfft wie alle", so Haneke. Er unterstütze den Protest des Fachverbandes der Audiovisions- und Filmindustrie der Wirtschaftskammer, sehe die Entscheidung jedoch "gelassen", denn das weitere Vorgehen der Academy liege "nicht in unserem Einflussbereich. Ich kann das nur zur Kenntnis nehmen".

"Cache" sei ein österreichischer Film, dass dieser in Cannes als französischer Streifen gelaufen sei, sei ein "großes Gerücht" gewesen, betonte Haneke. Der Streifen hätte auch bei den Auslands-Oscars "gewisse Chancen", glaubt der Regisseur. Die Auslegung des Reglements durch die Academy sei eine "nicht einsehbare Verschärfung". Die Academy-Argumentation für den Ausschluss, dass der Dialog nicht in überwiegendem Maße in der Landessprache des entsendenden Landes gedreht wurde, hätte bei der Jelinek-Verfilmung "Die Klavierspielerin" noch mehr Angriffsfläche gehabt: Denn für einen in Österreich spielenden Film hätte es "keine zwingende Notwendigkeit" gegeben, dass die Dialoge auf Französisch gedreht wurden. Bei "Cache" gehe es um ein französisches Thema.

Haneke verweist auf Ablehnung des italienischen Beitrags

Haneke verweist darauf, dass auch der italienische Vorschlag für den Auslandsoscar aus den selben Gründen zurückgewiesen wurde. Er glaube nicht, dass sich der Entscheid speziell gegen "Cache" richtet. Teilen kann er die Argumentation dennoch nicht: Nach der Auffassung der Academy wäre Lars von Triers' US-kritischer Streifen "Manderlay", der ebenfalls in Cannes gezeigt wurde, wegen seiner US-Schauspieler und dem Drehort USA "ein amerikanischer Film. Das ist doch albern", so Haneke.

Fachverband: "Sehr unangenehme und eigentlich auch blamable Situation"

"Bis jetzt gab es eine derartige Praxis nie", meinte Werner Müller vom Fachverband der Audiovisions- und Filmindustrie der Wirtschaftskammer zur Ablehnung des Haneke-Filmes "Cache" im Rennen um den Auslands-Oscar. Die Academy habe "im Vorfeld verabsäumt mitzuteilen, dass sie die Bestimmungen nun anders auslegt", sagte Müller Montagnachmittag. Der Fachverband warte nun die Reaktion auf die Protestnote ab, die im Verlauf dieser Woche zu erwarten sei.

Der Fachverband, der "Cache" eingereicht hatte, müsse in Folge nun sehen, "ob wir die Möglichkeit haben, nachzunominieren, ob wir das überhaupt wollen oder auf unserer Entscheidung für 'Cache' beharren", so Müller. Ursprünglich hat die Frist für Nachnominierungen am vergangenen Freitag geendet, doch habe der Fachverband sich in der Protestnote das Recht auf eine Nachnominierung vorbehalten.

Falls man sich dafür entschließt, nachzunominieren, stehen mit "Die fetten Jahre sind vorbei" und "Silentium" noch zwei der von der ursprünglichen österreichischen Auswahl-Jury nachgereihten Filme zur Verfügung. Ein weiterer Film sei inzwischen nicht mehr im Rennen. Die in Frage kommenden Filme würden vor einer eventuellen Nachnominierung "sehr sehr gründlich" auf ihre Nominierungstauglichkeit hin geprüft werden. "Noch einmal leistet man sich so etwas nicht", so Müller zu der "sehr unangenehmen und eigentlich auch blamablen Situation". Obwohl Hans Weingartners Streifen "Die fetten Jahre sind vorbei" auch eine Koproduktion (mit Deutschland) ist, "würde er vor der Academy wahrscheinlich bestehen, denn er ist auf Deutsch gedreht".

Regulativ der Academy

Nach dem Regulativ der Academy selbst könne "Cache" "nur von Österreich eingereicht werden", weil zwei von drei für die Nominierung entscheidenden Voraussetzungen (Drehbuch, Regie, Produktion) gegen Frankreich sprechen, betonte Müller. Würde die Academy ihre Entscheidung, den Film wegen seiner Drehsprache abzulehnen, beibehalten, so würde dies bedeuten, dass in Zukunft "wesentliche europäische Filme nicht zugelassen" werden könnten. Dies sei "bedenklich".

Die Bestimmungen der Academy seien "sehr unklar", so Müller. Martin Schweighofer, Geschäftsführer der Austrian Film Commission, hofft, dass dies "der Anlass wird, dieses sehr schwammige Reglement zu präzisieren". Die Bestimmung laute dahin gehend, dass die Filme überwiegend in der Sprache des einreichenden Landes gedreht werden müssen, wenn nicht die Geschichte des Filmes etwas anderes verlangt. Darüber könne man bei dem u. a. den Konflikt zwischen Algerien und Frankreich thematisierenden "Cache" jedenfalls "streiten", so Müller.

"Cache" hätte "nach langen Jahren ernsthafte Nominierungschancen" für die Endauswahl im Rennen um den Auslandsoscar, ist sich Müller sicher. (APA)

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