Wahlzelle

26. Oktober 2005, 20:16
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Ich hatte ganz vergessen, wie schön das ist - bis ich heute früh wählen war...

Es war heute. Aber ich war selber Schuld: Dass ein neuer Sprengel auch ein neues Wahlerlebnis bietet, hätte ich mir vorher denken können - und so verwöhnt wie in meinem alten Wahlsprengel kann man eben nicht immer werden.

Ich gehöre nämlich zu den Leuten, die es nie schaffen, den Infozettel, auf dem steht, in welchem Wahllokal er in welchem Zimmer anzutanzen hat, bis zum Wahltag aufzuheben. Früher war das kein Problem: Es gab meine Nachbarin. Die war im Hauptberuf Lehrerin, ansonsten in Ordnung und im Nebenberuf ein guter Mensch. Deswegen ließ sie sich auch immer zum Wahlbeisitzen überreden. Mein Vorteil: Wenn die Lehrerin beisitzen ging, klebte sie mir ein Post-It an die Tür. Mit der Adresse der Schule und der Zimmernummer, in der meine Urne stand. Sie saß jedes Mal in der Wahlkommission im Zeichensaal.

Kopffüßer

Im ersten Stock hatte ich mir beim Warten vor dem und im Zeichensaal immer Kinderzeichnungen angesehen. Und sie so lange für völlig uninteressant und immer gleich gehalten, bis mir mein Bruder dann stolzgebläht ein ebensolches Gemälde aus den Händen seiner Tochter vorlegte. Da sah ich den Unterschied. Ehrlich. Ganz deutlich. Und seither nickte ich herzlich und anerkennend, wenn vor dem Zeichensaal Eltern hingerissen auf krakelige Kopffüßer und Flugfische zeigen. (Aber das gehört nicht hierher.)

Mein alter Sprengel war super bequem: Der Ordner am Schultor ignorierte mich, ich ging Kinderzeichnungen bewundern, quatschte mit ein paar Nachbarn und meine Nachbarin begrüßte mich laut – ich hätte mich vermutlich auch mit einem Kurzstreckenfahrschein oder dem Innsbrucker Telefonbuch ausweisen können. Und weil wir ein routinierter Wahlsprengel waren, wusste jeder, wann er wählen zu gehen hatte, um lange Wartezeiten zu vermeiden. Und der Akt in der Zelle hatte Quickie-Qualitäten.

Wahlrecht und Zettel

Ich hatte ganz vergessen, wie schön das ist – bis ich heute früh wählen war: An der Tür stand ein Scherge und verlangte meinen Zuteilungszettel. Natürlich hatte ich den nicht. Der Ordner machte mir daraufhin klar, dass es nur sein persönlicher Gnadenakt war, dass ich doch wählen durfte: Das Wahlrecht hängt in Wien nicht von Staatsbürgerschaft oder Wohnsitz ab, sondern vom Besitz eines Zettels, auf dem Sprengel und Wahllokal vermerkt sind.

Und statt in einen nett nach Kindern, Schulmilch und Ölkreide duftenden Zeichensaal kam ich in einen „Medienraum“. Anonymer Plastikgeruch. Irgendwelche Poster aus Technikmagazinen – und eine Kommission, die mich zuerst anschnauzte, gefälligst hinter der Schwelle zu warten: Beide Wahlzellen seien besetzt – und mehr als eine wartende Partei störe den Überblick. Im Zeichensaal war man entspannter gewesen.

Listenbingo

Immerhin erkannte ich ein Kommissionsmitglied. Er mich auch. Vom jahrelangen politischen Garnichtmögen. Und als er meinen Namen aus meinem Ausweis (er drehte und wendete ihn zweimal prüfend) vorgelesen hatte und vom anderen Ende der Reihe eine Zahl kam, rief er „Bingo“. Er war sauer – auf mich: Um sich die Zeit zu vertreiben, erklärte mir ein anderes Kommissionsmitglied, spiele man Wahllistenbingo: Wer zuerst seinen Zettel in einem bestimmten Muster voll oder sonst wie markiert habe, habe gewonnen. Oder so ähnlich. Aber mein Bekannter habe darauf gewettet, seine Liste mit Leuten aus der nächsten Gasse zu vervollständigen. Ich hätte ihn gerade einen Kaffee gekostet.

Dann schwiegen wir gemeinsam – und beobachteten fasziniert die dicht behaarten Damenbeine in weißen Strumpfhosen, die in der einen Kabine standen. So wie auch ihr Sohn in der Nachbarzelle brauchte die Frau ewig. Und als die Ewigkeit vorbei war – und ich auf die Uhr geschaut hatte – noch einmal exakt zehn Minuten. Kommission und Wähler (ich mitten im Raum, eine Schlange an der Schwelle) wurden unruhig. Aber blöd zu fragen („lesen sie da drin grad die Verfassung?“) oder laut Hilfe anzubieten wäre bestimmt als unstatthafte Beeinflussung einer sich bewusst entscheidenden Staatsbürgerin aufgefasst worden – und so fragte ich nur, ob ich eventuell morgen wiederkommen dürfe.

Vortrag

Ein Kommissionsmitglied grinste – aber ein anderes belehrte mich. Und zwar todernst: Wahl sei nur heute. Und zwar genau zwischen jetzt und Wahlschluss. Danach ... Die Frau mit den weißen Strümpfen befreite mich aus den Klauen des Vortragenden – sie kam endlich aus der Wahlzelle (unmittelbar danach kam auch ihr Sohn aus der anderen Zelle). Am Gang applaudierte jemand, ich ging wählen. Und dachte bis zur Ergebnisverlautbarung am Abend, das komische Gefühl in meinem Magen sei bloß Sehnsucht nach den Kinderzeichnungen im Zeichenzimmer von einst. Aber das war wohl ein Irrtum.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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