The White Stripes: Reduziert auf das Maximum

3. November 2005, 16:12
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Die US-Band gastierte am Wochenende in der ausverkauften Wiener Gasometerhalle

Ein Abend in Rot, Schwarz und Weiß, der mit archaischem Blues, zornigem Punk und verliebten Kleinodien sämtliche Versprechen einlöste.

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Wien - Liebe und Verzweiflung: Der Weg zum Konzertsaal war ein Slalom zwischen diesen beiden Stangen. Unglückliche Gestalten mit flehenden Augen säumten den Weg. Auf kleinen Schildern stand der ewig gleiche Hilfeschrei: Karte gesucht! Wie viele dieser Unglücklichen an diesem Abend von ihrer Schuld des zu späten Gangs ins Kartenbüro noch erlöst wurden - man weiß es nicht. Seit Wochen war die Show der US-Band The White Stripes ausverkauft, und wer im Gasometersaal dem Auftritt beiwohnen durfte, wusste bald, warum: Die White Stripes sind live eine Naturgewalt.

Liebe und Verzweiflung: Das sind auch die wesentlichen Themen der Musik der White Stripes. Ausgerichtet in einem Mikrokosmos, den die Farben Rot, Schwarz und Weiß bestimmen, in dem Auge um Auge abgerechnet wird, vertraut man auf die Überzeugungskraft von Schlagzeug und Gitarre: reduziert auf das Maximum.

Damit ausgerüstet stürzte das geschiedene Ehepaar Meghan Martha White und John Anthony Gillis alias Meg und Jack White in hysterische Interpretationen von Stücken wie Blue Orchid oder Black Math: Eine wuchtig getretene Basstrommel und heftig zischende Becken beschleunigten diese Blues-Punk-Stücke, die Jack White mit drückenden Gitarrenstößen grob sezierte und ihnen die Richtung wies.

Dazwischen gönnte man sich Lieblichkeiten wie etwa eine vom Saal mitgetragene Coverversion von Burt Bacharachs I Just Don't Know What To Do With Myself oder das mit Mandoline eingespielte Little Ghost vom aktuellen Album Get Behind Me Satan.

Kollisionskurs

Aufgetaucht ist die aus Detroit stammende Formation Ende der 90er-Jahre, und sie zählte bald zu den wichtigsten Protagonisten eines Rock-'n'-Roll-Revivals, das sich im Fall der White Stripes einem Erbe verpflichtet fühlt, das bis an den Beginn der Populärmusik zurückreicht: zum archaischen Country-Blues eines Robert Johnson, den weinerlichen Klagen eines Hank Williams oder auch den aggressiven Schmerzensschreien des 1996 viel zu früh verstorbenen Jeffrey Lee Pierce, der mit seiner Band The Gun Club und solo schon 20 Jahre vor den White Stripes Blues und Punk auf Kollisionskurs brachte. Einer seiner besten Songs: Love And Desperation.

Im Gegensatz zum von den Whites verehrten Gun Club bescherte diese explosive Mischung ihnen selbst Weltruhm. Vom letzten Album setzte man rund vier Millionen Einheiten ab, dem heuer erschienenen Folgewerk sollte das auch gelingen. Ausverkaufte Säle von Argentinien bis Skandinavien belegen jedenfalls die Attraktivität dieser ungewöhnlichen Band.

Trotz der geringen Mittel, die zum Einsatz kommen, generieren die beiden daraus gerade auch live eine Tour de Force. Etwa unter Einbeziehung alter Bluesstücke, in denen Jack White auf seiner Gitarre zuerst nachdenklich Slide spielte - und sie später wie einen Höllenhund ritt. Dann wieder setzte sich der Frischvermählte für kleine, aber die Chronologie der Show immer wieder dramatisch durchbrechende Fingerübungen ans Piano oder wechselte am Ende des Zugabenblocks für The Nurse an die Marimba.

Meist stand der mit roten Röhrlhosen, schwarzem T-Shirt sowie zu Beginn auch mit einem mäßig schicken Zorro-Hut bekleidete Gitarrist mit dem bleistiftdünnen Oberlippenbart jedoch an einem direkt vor dem Schlagzeug aufgebauten zweiten Gesangsmikrofon. Von dort aus stöhnte, hechelte oder brüllte er wütende Monologe in den Saal oder tauschte sich in zärtlichen Dialogen mit Meg aus.

Die Dynamik, die aus dem Wechselspiel von laut und leise, von hart, aber herzlich sowie von wild und schmeichelnd entstand, hielt den Erregungszustand des Publikums bis zum Ende aufrecht, als die beiden den markanten Hit Seven Nation Army intonierten. Auch hier: Kontrolle und ihr Verlust in hingebungsvollem Liebesspiel.

Auch wenn der fehlende Charme der Gasometerhalle die Intimität ihres Auftritts im Wiener WUK vor zwei Jahren vermissen ließ - ein großer Abend. (Karl Fluch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. 10. 2005)

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    foto: standard/christian fischer
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