James Krüss: "Mein Urgroßvater und ich"

21. Oktober 2005, 20:56
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Dies ist ein großes Action-, ein tolles Abenteuerbuch. Eines der wenigen, in dem Autor und Leser sich als Kollegen wiederfinden

Dunkle Sätze, kryptisch und unergründlich, aber man ahnt elementare Wahrheiten in ihnen, fühlt sich mit dem Leben selbst verbunden. Zum Beispiel, aus dem vorliegenden Buch: Zanthens Yacht Xanthippe war völlig unberechenbar, trieb stets regelwidrig quer, prosperierte oft nicht mehr ... Das war es. Diese nicht recht prosperierende Yacht mit dem Namen Xanthippe - mit ihrer schlingernden Bewegung, auf ihrer Suche nach einem Kurs, den sie dann doch nicht würde halten können, schien sie irgendwie beispielhaft für den Lauf der Welt.

Zanthens Yacht schippert auf dem Meer der Imagination, in der Welt der Sprache. Eben diese Welt erforschten die Helden dieses Buches, der Knabe Boy und sein Urgroßvater. Die herrlichste Quarantäne der Welt lieferte den Anlass für diese Unternehmung - weil die Schwestern Masern haben, muss der zehnjährige Boy eine Woche zu seiner Großmutter, zur Obergroßmutter genauer gesagt, die auf dem Oberland, dem oberen Teil der Insel Helgoland, ihr Haus hat.

Dort nimmt den Jungen besagter Urgroßvater, 84, unter die Fittiche, der schon lang nicht mehr zum Fischen ausfährt, sondern die meiste Zeit damit zubringt, Korkentiere zu schnitzen - und dabei Geschichten aus aller Welt zu erzählen und ein wenig zu reimen. Genau das tut er dann auch mit seinem Enkel, sieben aufregende Tage lang, in der Hummerbude, unter den Augen der strengen Ledernen Lisbeth.

Dies ist ein großes Action-, ein tolles Abenteuerbuch. Eines der wenigen, in dem Autor und Leser sich als Kollegen wiederfinden. Die Arbeit der beiden Dichter begeistert und regt zum Nachmachen an, zum Selberdichten. Auch der obige Xanthippe-Satz ist natürlich aus einem Gedicht, einem der wundersamen ABC-Gedichte, die das Buch ausgiebig feiert - und zwar einem der schwierigen Sorte, von hinten her.

Tausende solcher ABC-Gedichte, stelle ich mir vor, müssen in den Jahren seit Erscheinen des Buches 1960 in deutschen Jugendzimmern entstanden sein. Auch das Dichten ist ein Handwerk, das hat uns James Krüss (1926 bis 1997) mit diesem Buch gelehrt.

In der letzten Geschichte kommt die Kraft der Dichter dann direkt zur Sprache. "Der Pavillon aus Porzellan" konfrontiert das stupide Bürgertum mit der Welt der Poesie - und sie haben nichts begriffen: "Mijnheer de Vilder bedauerte die armen Dichter aus dem Landhaus, denn er war davon überzeugt, dass ihnen die Welt immer so erschiene, wie sie eben den Reisenden erschienen war: mit glühenden, kreisenden Sonnenbällen, Mandolinenklängen und schwankenden Ufern. Petar, der Matrose, bemerkte hierzu, die Welt sei ewig in Bewegung. Die Dichter seien nur die einzigen, die es wüssten. (DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.10.2005)

Von Fritz Göttler
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    cover: süddeutsche junge bibliothek
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