"Die Reise der Pinguine": Das Kreuz mit den Pinguinen

27. Oktober 2005, 15:18
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Die französischen Macher des Dokumentarfilms "Die Reise der Pinguine" wehren sich gegen die Vereinnahmung durch christliche Fundamentalisten in den USA

Die Reise der Pinguine, ab Donnerstag, 27.10., auch in den österreichischen Kinos, ist in den USA nach wenigen Wochen Spielzeit der erfolgreichste französische Streifen aller Zeiten geworden: Mehr als zehn Millionen Amerikaner haben den Tierfilm des aus Lyon stammenden Regisseurs Luc Jacquet schon gesehen - dies nicht zuletzt dank unerwarteter Schützenhilfe: Ausgerechnet christliche Kreise loben an dem Film Tugenden, welche den rationell-kartesianischen Machern aus Frankreich nicht einmal im Traum in den Sinn gekommen wären.

Und wohl noch weniger den Kaiserpinguinen, deren Leben in dem 86-minütigen Dokumentarstreifen gezeigt wird. Rechtskonservative Kritiker und Zeitschriften in den USA loben so etwa die Monogamie der Pinguinpaare, ihre Opferbereitschaft und Begeisterung beim Kindererziehen.

Aber die erstaunlichen Fortpflanzungsmethoden der Watscheltiere wecken bei gewissen Amerikanern noch ganz andere Assoziationen: "Es besteht eine Parallele zwischen den schweren Prüfungen, welche diese Pinguine durchmachen, und denjenigen der Christen", erklärte etwa ein aus Ohio stammender Kirchenmann namens Ben Hunt der New York Times. "Ihr Weg ändert sich jedes Jahr, aber dennoch folgen sie der richtigen Richtung. Wie der Heilige Geist."

Geradezu absurd wirkt die Interpretation durch die "Kreationisten", das heißt durch jene Kreise in den USA, die gegen Darwins Evolutionstheorie das so genannte "intelligent design" stellen - im Klartext: die göttliche Schöpfung der Welt. Der Film ist für sie "ein überzeugendes Argument zur Stützung der Theorie, der zufolge das Leben zu komplex sei, um einer willkürlichen Selektion zu gehorchen", schreibt etwa die christliche Zeitschrift World Publication. Mit anderen Worten: Die Fähigkeit der Pinguine, den extremen Temperaturen, dem Meer und Tierfeinden zu widerstehen und gleichzeitig vorbildliche Eltern zu sein, habe nichts mit dem biederen Darwin zu tun, sondern mit "intelligenter" Schöpfung.

"Nur" ein Tierfilm

Die französischen Macher des Pinguin-Films schütteln jedenfalls den Kopf über diese "Vereinnahmung", wie sich einer der drei Produzenten, Christophe Lioud, gegenüber dem STANDARD ausdrückt. Gewiss sei jeder frei, in einen Film hinzudenken, was ihm passe; unter anderem hätten sich auch chinesische Feministinnen gemeldet, denen die Beteiligung der Pinguinmännchen an der Kindererziehung gefalle; lobend geäußert hätten sich auch Homosexuelle oder Anhänger der Trennkost.

"Aber dass sich die Kreationisten und Republikaner in den USA auf den Zug schwingen, ist alles andere als amüsant", meint Lioud. Diese politische und religiöse Vereinnahmung sei völlig überzogen, handle es sich doch "nur" um einen Tierfilm mit einer - wenn schon - universellen, aber sicher nicht religiösen Botschaft.

Regisseur Jacquet hatte sich Mitte September in der Zeitung Le Monde ebenfalls von den Lobreden amerikanischer Kirchenaktivisten distanziert - obwohl diese sicher dazu beitragen, die Filmeinnahmen von bisher 73 Millionen Dollar allein in den USA anzukurbeln. Er verfüge über eine wissenschaftliche Bildung, meinte der aus Lyon stammende Regisseur; und wenn man ihn frage, sei er "mit Darwin'scher Milch aufgezogen worden", also genau mit jener Geisteshaltung, die den amerikanischen Kirchenfundamentalisten ein Dorn im Auge ist.

Dies erklärt auch die geharnischte Reaktion aus dem laizistischen Frankreich, das heuer den hundertsten Geburtstag der 1905 eingeführten Trennung von Kirche und Staat feiert - als geistige und politische Errungenschaft gegen jede Art von religiösem Integrismus. Dass auch US-Präsident George Bush dem "intelligent design" frönt, macht es für die Franzosen nicht besser: Für sie widerspricht dieses Konzept jedem wissenschaftlichen Ansatz - und damit zumindest der menschlichen Intelligenz. (DER STANDARD, Printausgabe vom 22./23.10.2005)

Von
Stefan Brändle aus Paris

Siehe auch
Helden des Eises und der Finsternis
  • „Es besteht eine Parallele zwischen den schweren Prüfungen, welche diese Pinguine durchmachen,
und denjenigen der Christen“ – Religiöse Botschaft im Tierfilm?
    foto: filmladen

    „Es besteht eine Parallele zwischen den schweren Prüfungen, welche diese Pinguine durchmachen, und denjenigen der Christen“ – Religiöse Botschaft im Tierfilm?

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