Eiserne Reserve für Nostalgiker

23. Dezember 2005, 13:22
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Eisenbahn oder Eisenstraße: Ein Themenweg der Industriekultur quer durch Österreich

"Herr Conducteur!" Ja, so könnte man den freundlichen Mann mit dem Franz-Joseph-Bart und der kräftig blauen Uniform getrost nennen. Und es wäre keine Übertreibung, eher schon eine Verbeugung vor der nostalgischen Note, die nicht nur dem Hobby-Eisenbahner im Wagon, sondern der ganzen Ybbstalbahn anhaftet. Wir sitzen mit ihm im "Ötscherland-Express", wie die Schmalspurbahn zwischen Kiental-Gaming und Lunz am See heißt, und die Reise scheint in wohl dosierten Serpentinen Richtung Vergangenheit zu führen. Lang gezogene Pfiffe lassen die Cineasten unter den Passagieren vielleicht an Buster Keaton und andere Dampfross-Heroen denken, die rußigen Rauchschwaden fügen sich bestens ins patinierte Bild.

Von der vorüberziehenden, üppigen Natur gar nicht erst zu reden: Grüner Samt breitet sich vor dem Coupé aus, ein weicher Pflanzenteppich, der sich gleich hinter dem Wagonfenster entrollt. Dahinter liegt Gaming und hinter Gaming liegt Amerika - oder zumindest ein Hauch von Wildem Westen. Dafür sorgen nämlich die luftig konstruierten Trestlework-Brücken, atemberaubende Konstruktionen aus spinnwebartig verspannten Eisenträgern, die man von amerikanischen Wild-West-Filmen kennt, wo sie traditionell aus Baumstämmen errichtet wurden.

Ötscher-Yankees

Doch hier, unmittelbar westlich des blendend weißen Ötschermassivs, sind eher Janker denn Yankees angesagt, und auch die technischen Glanzlichter der 18 Kilometer langen Bergstrecke tragen bodenständige Namen. Hühnernest- und Wetterbach-Viadukt heißen die eisernen Zeugen jener bautechnischen Kühnheit, die den schwierigen Streckenbau in den Pioniertagen des österreichischen Eisenbahnbaus begleitete. Wege entlang des alten Eisens, könnte man sagen.

Doch Letzteres hat an der niederösterreichischen "Eisenstraße", jener frühindustriellen Kulturlandschaft des östlichen Mostviertels, eben Tradition. Wer heute in Waidhofen an der Ybbs, am eigentlichen Beginn des "Schafkäs-Express", wie die Ybbstal-Bahn einst genannt wurde, die Zeitreise beginnt, stellt die Uhr jedenfalls richtig ein. Prächtige Bürgerhäuser mit gotischem Kern, pittoresk ineinander verschachtelte Barock- Renaissance und Biedermeier-Fassaden komponieren sich hier zu einem mittelalterlichen Juwel.

"Ferrum chalybsque urbis nutrimenta - Eisen und Stahl ernähren die Stadt" - dieser Spruch findet sich wohl nicht zufällig über Waidhofens Ybbstor. Von den einst 1000 Eisenwerken der Gegend sind gerade zwei Dutzend Betriebe geblieben - und zugleich eine atemberaubende Fülle an verwaisten, heute oft liebevoll restaurierten Gewerberuinen, die der Eisenwurzen im Laufe der Jahre den Status eines Geheimtipps verliehen.

Land der Hämmer

Industriearchäologische Spurensucher kommen an kleinen Flussläufen, neben scharfkantigen Karstfelsen und in den engen Schluchten der Region denn auch auf ihre Kosten: Hingeduckt unter schattigen Linden, die Dächer mit Moos und Flechten überzogen - so sehen die malerischen Relikte der versunkenen Hammerlandschaft aus. Eine im Dornröschenschlaf versunkene Welt aber auch, die heute zu neuem Leben erwacht: zum Beispiel im Fahrngruber Hammer, einer von insgesamt sechs Schauschmieden, die einige "Schafkäs-Stationen" hinter Waidhofen, und zwar am Schmalspur-Nebenstrecken-Endpunkt Ybbsitz am rauschenden Prollingbächlein liegt.

Hübsch bepinselt wacht der heilige Florian am Giebel der ältesten Ybbsitzer Hackenschmiede, während vorangemeldete Besucher den archaischen Reiz des Schmiedehandwerks hier recht hautnah vermittelt bekommen. Archetypischer könnte eine Schmiede jedenfalls nicht ausfallen: Düstere Räume, in denen das Dämmerlicht das Erkennen der richtigen Glutfarbe und damit der korrekten Schmiedetemperatur erleichtert. Eine rußige Esse. Hämmer und Amboss sowieso. Ybbsitz, das auch mit einem Köhlereimuseum aufwarten kann, und überdies als erster elektrifizierter Ort Niederösterreichs Technikgeschichte en miniature schrieb, ist auch Geburtsort des Vereins NÖ-Eisenstraße, der sich der Belebung des kulturellen Erbes der Region auf vielfältige Weise annimmt.

Vierzehn Eisenstraßenwirte gießen hier etwa Schokoladehämmer oder versenken nach alter Eisenstraßen-Tradition glühende Nägel ins "gstachelte" Bier. Gäste können bei Hobby- bis Meisterschmiedekursen selbst Hand anlegen, und Kinder im Hollensteiner Treffengut-Hammer eine Zwergenschmiede und ihr eigenes Talent entdecken. Doch vor allem beeindruckt die "Hardware" der Region, die mittlerweile auch auf der Vorschlagsliste für das Unesco Weltkulturerbe zu finden ist. Dazu zählt das Erleben der klappernden und dampfenden Musealität des Opponitzer Sichelmuseums oder des Waidhofener Alt-Schaukraftwerks Schwellöd, aber auch die Visite von insgesamt fünfzehn Themenwegen, die etwa im Mendlingtal bei Göstling zur einzigen Holztriftanlage Mitteleuropas führen.

Sensationeller Stilmix

Zu den Höhepunkten der gesamten Themenlandschaft zählen aber auch die wuchtigen Hammerherrenhäuser, die das architektonische Erbe der Gegend am unmittelbarsten prägen. Im putzigen Rokokokleid oder im Biedermeierbarock stehen die Herrenhäuser der "Schwarzen Grafen", wie die mächtigen Sensenherren genannt wurden, an Flussufern und in Seitentälern herum, im Baukern oft viel älter, und zumeist in einem sonderbaren Stilmix ausgeführt: Aristokratische und großbäuerliche Traditionen mischen sich bei den Häusern zum typischen Eisenstraßen-Palais: Etwa beim Amonhaus in Lunz am See, das bereits 1551 im Stile der italienischen Renaissance errichtet wurde, und vielleicht das prächtigste aller Hammerherrenhäuser ist. Unerwartet taucht es im Schatten der Ötscherregion auf: Sgraffitoschmuck, zart gearbeitete Schmiedeeisengitter, die obligaten Blümchen am Fenstersims, hinter denen genauso gut Romeo und Julia vorbeihuschen könnten - oder doch eher ein Sonntagsausflügler. (DER STANDARD, Printausgabe vom 22./23.10.2005)

Von
Robert Haidinger

Erlebnisbahnen Ybbstalbahn
Info:
Bahnhof Waidhofen,
Tel. 07442/55 68 0-380

Ötscherland-Express-
Info:
TV Ötscherland,
Tel. (07416) 526 92
erlebnisbahn.at

Schaukraftwerk Schwellöd,
Tel. (07442) 51 12 55

Köhlereimuseum Ybbsitz,
Tel. 07443-866 01 14

Sichelmuseum "Hammer am Bach",
Tel. 07444-72 80 40

Erlebniswelt Mendlingtal/Göstling,
Tel. 07484-72 89.

Kulturpark Eisenstraße- Ötscherland,
07443/866 00
eisenstrasse.or.at
  • Artikelbild
    foto: pressefoto eisenstraße.or.at/ lackinger, melk
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