Geistesblitz: Fasziniert vom günstigen Werkstoff Stahl

28. Oktober 2005, 16:58
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Materialforscher Franz Dieter Fischer erhielt den Erwin Schrödinger Preis der Akademie

Die Liste der Preisträger ist prominent. Sie reicht von Erwin Schrödinger über Marietta Blau, Walter Thirring, Hans Tuppy, Peter Schuster, Hildegunde Piza und Anton Stütz bis Jakob Ingvason, um nur einige zu nennen. Seit einer Woche hat die Liste zwei neue Namen: Der Wiener Tumororthopäde Rainer Kotz (in der Vorwoche hier vorgestellt) und der Leobener Materialforscher Franz Dieter Fischer wurden mit dem Erwin Schrödinger Preis ausgezeichnet, der mit 15.000 Euro dotierten höchsten Auszeichnung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Fischer wurde für seine Beiträge auf dem Gebiet der Mikromechanik der Werkstoffe geehrt. Seine Welt ist der Stahl.

Der 1941 in Amstetten geborene Professor für Mechanik an der Montanuniversität Leoben trugt mit seinen Arbeiten zum besseren Verständnis des mechanischen und physikalischen Verhaltens von Materialien bei. Das ermöglichte etwa die Entwicklung von an unterschiedliche Anforderungen perfekt angepasste Materialien - besonders Stahl. Wie aber kommt man auf diesen Werkstoff? "Nach meinem Doktorat an der Technischen Universität Wien bin ich 1965 zur Voest gegangen. Über den Stahlbau habe ich mich dann auch wissenschaftlich diesem Werkstoff angenähert, weswegen ich 1983 dann an die Montanuni berufen wurde, wo man mir den Lehrstuhl für Mechanik gab."

Zu dieser Zeit war Fischers Faszination für Stahl bereits auf dem Höhepunkt. Warum? "Stahl ist so vieles auf einmal", schwärmt der Materialforscher, "er ist fest, verformbar, designbar und dennoch äußerst preiswert." Und die wissenschaftliche Befassung mit dem Werkstoff sei noch lange nicht zu Ende, meint Fischer: "Stahl hat heute noch ein gewaltiges Entwicklungspotenzial. Ich bin sicher, dass wir zu einer noch höheren Festigkeit und Verformbarkeit kommen."

Die Mikromechanik der Werkstoffe, mit der sich Fischer seit Jahrzehnten wissenschaftlich beschäftigt, beschreibt das Material als ein System von zusammenwirkenden, einzelnen Komponenten, deren chemische, thermische und mechanische Eigenschaften beeinflusst werden können. Dieses Wissen ermöglicht es, Materialien in ihrer Mikrostruktur einsatzgerecht für spezielle technische Aspekte zu gestalten. Damit ist auch Stahl nicht gleich Stahl, sondern je nach gewünschtem Anwendungsgebiet spezifisch hergestellt - "designt", wie Fischer es ausdrückt.

Und was tut der Wissenschafter, wenn er sich nicht seiner Arbeit widmet? Er begeistert sich für Zahlenspiele: "Eines meiner Steckenpferde ist die Mathematische Physik. Nicht nur, weil sie in einem sehr engen Nahverhältnis zu meiner Forschungsarbeit steht, sondern weil sie mich auch darüber hinaus fasziniert." Und neben seinem sportlichen Ausgleich, den er im Tennisspielen und Skifahren findet, bleibt dem verwitweten Vater einer Tochter und zweifachen Opa auch noch Zeit für die Zeitgeschichte - besonders das 19. und 20 Jahrhundert haben es ihm angetan - und die Befassung mit den Religionen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23. 10. 2005)

  • Artikelbild
    illustration: standard/oliver schopf
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