Kopf des Tages: Günter Weninger

9. November 2005, 10:16
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Leiser Mächtiger im ungewohnten Wirbelsturm

Gäbe es ein Casting für den Job des Finanzchefs des Gewerkschaftsbundes, Günter Weninger würde es mit Bravour als Bester meistern. Die Brille so unauffällig wie die Gesamterscheinung, die bevorzugten Anzugfarben Grau und Braun, die Grundlautstärke sehr leise. Selbst unter dem im ÖGB weit verbreiteten Typus "unauffälliger Funktionär" fällt Weninger unter die Kategorie "besonders unauffällig". Ganz wie es seinem Biotop, der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten, entspricht.

Und ganz so, wie es sich für jemanden gehört, der die Dotierung des sagenumwobenen Streikfonds der Gewerkschaft genauso zu hüten und zu verschweigen hat wie die gesamte Finanzlage des ÖGB. Diskretion, Loyalität und Stillschweigen bilden die eine Hauptqualifikation für diesen Job - wohlüberlegte taktische Finesse ist die andere: Als die schwarz-blaue Regierung den ÖGB durch eine Änderung des Vereinsgesetzes zur Offenlegung seiner Finanzen zwingen wollte, transferierte Weninger das Vermögen und den Streikfonds in eine Privatstiftung.

Zahlen - das ist die Welt von Günter Weninger. Selbst normale Gespräche gliedert er gern in Ziffern und Tabellen und hantelt sich von erstens zu zweitens zu drittens. Diese Funktion als Zahlenmann des ÖGB war es auch, die Weninger in die Funktion gebracht hat, mit der er nun plötzlich im Rampenlicht steht: Als Aufsichtsratspräsident der Bawag P.S.K. muss Weninger die Geschäfte von Vorstandschef Johann Zwettler prüfen und stellte sich, zumindest vorerst, hinter den Vorstand.

Matura nachgeholt

Dass er danach vor die Presse musste, war eine zusätzliche Belastung für Weninger. Denn normalerweise meidet er Kameras wie die ganze Seitenblickegesellschaft. Das hat mit seiner einfachen Herkunft zu tun. Weniger lernte Elektroinstallateur, holte die Matura nach und stieg ab den 60er-Jahren in der Gewerkschaft schrittweise auf. Seine Eltern waren Hilfsarbeiter in Wiener Neustadt, wo Weninger heute mit seiner Frau lebt, Kinder und Enkelkinder um sich schart. Teurer Chichi ist Weningers Sache nicht, mit Weinen kennt er sich wenig aus - mit Kultur, vor allem Musik, dafür viel mehr.

Insignien der Macht sind ihm aber sehr wohl wichtig. So wenig er seine Macht nach außen zeigt, so sehr legt er Wert darauf, dass sie intern gewürdigt wird. Gewisse Respektskundgebungen fordert er ein - und hat sich auch nur ungern vom Posten des ÖGB-Vizepräsidenten getrennt.

Bis 2003 war er das, in seiner Nebenfunktion als Vorsitzender der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten. Damals ging er als Gemeindebediensteter in Teilpension, gab Vorsitz und Vizepräsident ab. 2007 will der heute 65-jährige Weninger auch als Finanzchef in den Ruhestand treten. Wenn alles planmäßig geht - und die Bawag-Krise nicht seine Pläne umwirft. (Eva Linsinger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.10.2005)

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