Alles Satire, oder was?

28. November 2005, 14:23
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Zeichen richtig deuten - Letzte "Befassungen mit politischen Funktions- trägern" vor der Wien-Wahl - Ein Kommentar der anderen von Alfred Dorfer über sich und den ORF

Körper, die in den virtuellen Raum der Öffentlichkeit eintreten, sind in der Regel nur unter zwei Aspekten von Interesse: Projektion und Brauchbarkeit. Als Flatscreen für Emotionen verschiedenster Art ist die Stellvertreterfunktion in vielerlei Hinsicht wichtig. Identifikationstaugliche Antihelden oder euphorisch ausgelebte Freude am Tanzen aus der gemütlichen Couchposition zu beobachten, sind Teil unserer Abendgestaltung. Der Klassensprecher, dessen vereinbarte Aufgabe es ist, Anliegen und Beschwerden vorzubringen und stellvertretend Konflikte auszutragen, soll auf seine Nützlichkeit hin überprüft werden.

Eine Satiresendung in einem öffentlich rechtlichen Sender ist je nach Standpunkt Feigenblatt, Ventil oder Zielscheibe. Wer damit ein Problem hätte, müsste sich eine Aufgabe suchen, die uneingeschränkte Sympathie einbringt. Doch meistens hat der Satiriker nichts anderes gelernt und wie bei Hildebrandt mit der Absetzung und Wiederbelebung des Formats "Scheibenwischer" auch manchmal Recht bekommen.

Befinden wir uns nicht ständig vor irgendeiner Wahl?

Wenn also eine Satiresendung wegen einer rechtlichen Bestimmung verschoben wird, die Ausgewogenheit vor der Wahl einfordert und das Auftreten politischer Funktionsträger in Unterhaltungssendungen verbietet, so ist besonders die Elastizität des Zeitbegriffs "vor der Wahl" bemerkenswert. Befinden wir uns nicht ständig vor irgendeiner Wahl?

Die gewünschte politische "Ausgewogenheit" von Satire ist aber ein noch interessanterer Aspekt und kann nur in Summe beurteilt werden - die ausgewogene Einzelpointe existiert bis jetzt noch nicht.

Noch befinden wir uns auf einem Nebenschauplatz, denn die donnerstägliche Grundfragestellung, wie viel politische Desinformation eine Demokratie auf Dauer aushält, beantwortet sich nur unzulänglich mit der simplen Formel: je weniger Information für viele, desto mehr und müheloser auszuübende Macht für wenige. Der Hut ist ähnlich alt wie die Narrenkappe und im Sinne der Satire Berufsalltag, skandalös nur die Nonchalance gegenüber dieser Realität.

Verflechtung von Politik und Medien

Die Verflechtung von Politik und Medien in diesem Land, das Verhindern von Informationsgerechtigkeit und -vielfalt durch parteiliche Einflussnahme der Regierungen auf den "unabhängigen" ORF gehört seit jeher zum politischen Brauchtum in Österreich, hat aber in den letzten Jahren spürbar zugenommen.

Die Empörung der Sozialdemokraten darüber nimmt sie für künftigen Machtzuwachs in die Pflicht. Die Forderung nach ungebundener Arbeitsweise der Informationsabteilungen und nicht der vorauseilende Gehorsam in Qualität und Quantität der Berichterstattung der größeren Regierungspartei gegenüber, wäre doch nur normal, da es sich um ein durch Gebühren finanziertes Fernsehen handelt.

Schüssel aus diesem Anlass mit Putin zu vergleichen, wie es Van der Bellen tat, wäre, so es sich um Satire handelte, deutlich überzogen. Da es aber eine realpolitische Aussage war, steht zu hoffen, dass sie durch gerechten Zorn und Begeisterung für die Satire ausgelöst war. - Auch wenn sie allen Bemühungen zum Trotz vielleicht nur im Unfreiwilligen möglich ist ... (DER STANDARD; Printausgabe, 22./23.10.2005)

Der Autor und Kabarettist lebt in Wien

Der Sendetermin für eine der Landtagswahl gewidmete Folge seiner Satireserie "Donnerstalk" wurde auf besonderen Wunsch des ORF auf nächste Woche verschoben.

Zum Thema

"Donnerstalk" verlegt: Dorfer hofft auf "Größe künftiger Regierungen" "Informations- gerechtigkeit und -vielfalt, wie es einer westlichen Demokratie entspräche" - Dorfer über SP, FP, Schüssel, Molterer: Ausstrahlung erst nach Wahlen

Wien-Wahl

derStandard.at/Politik zu den Wahlen in Wien

  • "Ignore this sign"? - Können vor Lachen: Alfred Gusenbauer und Franz Voves machen den Hasen in Erwartung eines Votums gegen soziale Kälte, ...
    foto: standard/cremer

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  • ... Ursula Stenzel kämmt sich zweimal täglich die Haare, und Johannes (Gio) Hahn hat es wirklich satt, andauernd fotografiert zu werden.
    foto: standard/cremer

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