Freier Fall und aufrechter Gang

21. Oktober 2005, 19:00
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Paul Nizon schreibt in "Das Fell der Forelle" seine Poesie des Davonlaufens weiter

Irgendjemand müsse schließlich diese Verlassenschaft antreten. Die Wohnung in Paris mitsamt einem Kasten voller Pelze, alten Möbeln, Briefen, den Einsamkeitsresten einer allein stehenden Frau, ungeöffnete Post, das Geschirr vom Todesvorabend, Bilderrahmen mit Atelieraufnahmen des nächsten Wahlverwandten: eines Foxterriers in Porträtpose. Und mit der Wohnung ist ein ganzer Stadtteil in Besitz zu nehmen, die Wäscherei der algerischen Brüder – "oder warme Brüder?" –, die Fußballbar, der Kürschner, das Papierwarengeschäft und das kleine Trinklokal des Pulloverwirtes. Widerwillige Landnahme. "Ich stand in dem Tantennachlass wie in einer Arrestzelle."

Dass Paul Nizon, der "deutsch schreibende Pariser Autor mit Schweizer Pass", wie er sich selbst nennt, "der größte Magier der deutschen Sprache", wie Le Monde ihn nennt, dass Nizon zeitweilig tatsächlich in der Pariser Wohnung seiner verstorbenen Tante wohnte, ist natürlich kein Zufall. In einem jüngst dem Fernsehsender Arte gegebenen Interview sagt er: "Seitdem ich in Paris bin, habe ich gemerkt, dass ich nicht so sehr nach einer irdischen Freiheit lechze, sondern einfach nach den Worten. Diese poetische Existenz, die totale simultane Verwandlung des Lebensstoffs in Schreibstoff, verdanke ich Paris" In welche Richtung dieser Verwandlungsprozess abläuft, ob vom Leben ins Buch, oder vom Buch ins Leben, lässt sich freilich nicht sicher sagen. Sicher ist nur, dass der von Nizon dafür aufgebrachte Begriff der "Autobiografie-Fiktion" die Sache nur ungenau trifft. Denn darin wird ein hinter dem Geschriebenen stehendes Alltags^subs^trat des Autors vorausgesetzt, das sich in der unbändigen Nizon'schen Selbstreferenz schon längst verflüchtigt hat. Genauso wie Nizon das Buch schreibt, müsste man schulmeisterlich sagen, genauso schreibt das Buch auch ihn. Das ist diese seltene, bis ins Letzte vollzogene Umstülpung einer poetischen Existenz.

Die in alle Existenzbereiche ausufernde Landnahme à la Parisienne ist in Nizons Roman natürlich auch Körpernahme. In der Fußballbar gabelt der Erzähler "eine Frau" auf, die sich erst im Laufe einiger Seiten als "Carmen" herausstellt und mit der sich eine Beziehung andeutet. Warum sich diese Beziehung nicht in gelebte Liebe ausdeutet, woran sie scheitert, ob an der Gedanken- und Existenzflucht des Icherzählers oder an den Schmerzenssplittern, die die Trennung von der einen großen Liebe in ihm zurückgelassen hatte, das bleibt offen. Es bleibt auch offen, ob das Ende selbst, die Leere, schon Scheitern ist: "Der freie Fall ist so etwas wie der AUFRECHTE GANG, wenn man ihn in das Bild der absoluten Leere projiziert."

Wer vor dieser Geometrie der absoluten Leere zurückschreckt und sich Düsteres erwartet, dem sei versichert: Nizons jüngster Roman ist bei aller Abgründigkeit überraschend licht, heiter, stellenweise sogar albern. Weist doch schon der Titel ins Komödiantische. Das Fell der Forelle.

Wer oder was ist also diese Forelle in ihrem unsäglichen Fell? Nun, sie ist alles, alles Relevante jedenfalls, der Herrensignifikator. Sie ist das Herz des Autors, die verlorene Liebe, das Herz der Welt: "Ich wartete auf die Forelle, wie andere auf den Messias." Oder ausführlicher: "Die Forelle ist das unhaltbarste, nie in den Griff zu bekommende, ausgesetzteste, verletzlichste täuschendste mutwilligste schöne Silberwesen, der bare Silberling. Ich verstehe allmählich, dass man sie in einen Fellmantel, in einen Pelz stecken und darin zu wärmen das Bedürfnis verspüren könnte." Wer aber die Forelle wärmt, der tötet sie.

Paul Nizon ist ein Hund. Ein Hund des Metaphysischen, ein Streuner im Unvordenklichen. Dort, wo andere um Worte ringend sich abmühen und hetzen, da liegt Nizon faul herum. Dort aber, wo andere zufrieden müde werden im Angesicht ihres Tageswerkes, da nimmt er erst die Fährte auf. Das Fell der Forelle ist wieder so ein herrliches Herumgeliege im Bett der großen Fragen, ein Daherschwadronieren und Großreden.

Es gibt, so scheint es, in der Nizon'schen Sprachwelt drei Maximen: sobald sich etwas verdichtet – davonlaufen. Sobald sich etwas ergibt – davonlaufen. Sobald eine Geschichte entsteht – besser davonlaufen. Diese drei Handlungsanweisungen schreiben einen Text ohne erkennbares Erzählprinzip. Ohne Regel, ohne Struktur, schließlich ohne auszumachende Geschichte. Was nach der Subtraktion alles Festen bleibt, ist aber nicht nichts, sondern reiner Charakter, diese zarteste Identität, die Einheit ohne Regel. So hat Nizons Sprache stellenweise zwar das Flüssige und Eingängige der Psychose, darin offenbart sich aber die übernatürliche, fremde Notwendigkeit der Seele. Und indem sich der Autor dieser Fremde überlässt, wird er aus der Welt geworfen: "Ich ging in einem ewigen widerlichen Sonntag durch die Werktagswelt der anderen und trug die Scham meiner Überflüssigkeit wie einen Trauermantel."

Es wundert also nicht, dass man in der Rezeption von Nizons Werk kaum Kritik an seiner Sprache, Erzähltechnik oder Form findet. Woran man sich stößt, ist der Erzähler selbst, seine Eitelkeit, seine Feigheit, seine Erotomanie und Brutalität. Als Leser stößt man sich an diesem wunderbaren Autor, so wie die verzauberte Frau sich wohl an dem Mann Nizon stößt. "Andere haben ein Herz, ich an der Stelle eine Forelle." (DER STANDARD, Printausgabe vom 22./23.10.2005)

Von
Von Christoph Kletzer

Hinweis
Am 25. 10. um 19 Uhr liest Paul Nizon in der Alten Schmiede (Schönlaterngasse 9, 1010 Wien) aus dem besprochenen Band.
  • Paul NizonDas Fell der Forelle. € 17,30128 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2005.
    buchcover: suhrkamp

    Paul Nizon
    Das Fell der Forelle.
    € 17,30
    128 Seiten.
    Suhrkamp, Frankfurt/Main 2005.

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