Gewerkschaftsbanker halten zusammen

9. November 2005, 10:16
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Aufsichtsrat sieht trotz der Blitzvergabe keinen Grund für personelle Konsequenzen

Wien - Die Sitzung dauerte fast fünf Stunden und danach war alles wie gehabt: Der Aufsichtsrat der Gewerkschaftsbank Bawag P.S.K., der am Donnerstag zu einer Sondersitzung zusammen gekommen war, hat den Vorstand der Gewerkschaftsbank unter Johann Zwettler entlastet. Der Vorstand habe bei der Vergabe des 425-Millionen-Euro-Kredits an Refco alle Regeln eingehalten. Er müssen nun danach trachten, den Schaden "möglichst gering zu halten".

Bawag-Aufsichtsratschef Günter Weninger, der sich nach der turbulenten Sitzung spätabends gemeinsam mit Zwettler den Journalisten stellte, begründete das wie folgt: "Der Vorstand hat in der Sitzung den Standpunkt vertreten gemäß Bankwesengesetz und im Rahmen der Refco-Kreditlinine gehandelt zu haben. Aufgrund der sehr klaren Bonitäten hat er keine Veranlassung gessehen, den Aufsichtsrat zu informieren. Der Aufsichtsrat hat das so zu Kennntnis genommen. Im Nachhinein", so fügte der Präsident dazu, "ist man klüger geworden." Laut Weninger habe der gesamte achtköpfige Vorstand der Bank von der Kreditvergabe gewusst.

Kreditlinien ausgeschöpft

Die Kreditlinien an Refco seien bereits im Februar 1999 (damals besaß die Bawag noch zehn Prozent am Unternehmen, Anm.) beschlossen worden. Zuletzt habe der Vorstand im November das Vorjahres darüber Rechenschaft gelegt. Der Kredit wurde aber blitschnell abgewickelt. Der Antrag sei am 5. Oktober eingebracht worden, wie berichtet wurde das Geld am 10. Oktober überwiesen. Refco ist am vorigen Dienstag mit Karacho in die Pleite geschlittert, gegen Ex-Chef Philip Bennett wird wegen Betrugsverdachts ermittelt. Die Bawag P.S.K. bangt nun um ihr gesamtes Geld und sitzt zudem auf einem Paket von 34 Prozent an Refco-Aktien, deren Kurs ins Bodenlose gefallen ist. Ein Schadenersatzverfahen ist anhängig.

In Zukunft will die Bawag P.S.K. besser aufpassen: "Wir werden uns die Kreditregeln anschauen, denn der Kreditausschuss hätte nach unserer Meinung schon informiert werden sollen.", meinte Weninger. Das Faktum, dass Refco 75 Mio. Euro, den großen Rest aber eine Privatfimra Bennetts kassierrt hat, sei ebenso gedeckt. Diese Holding sei im Refco-Firmenverbund und somit von der Kreditlinie umfasst. Weniger zusammenfassend: "Niemand kann vorhersehen, dass jemand Bilanzen fälscht oder betrügerische Machinationen macht."

Anpassung

Laut jüngsten Berechnungen der New Yorker Insolvenzrichter verfügt das weltgrößte Brokerhaus über ein Vermögen von 16,5 Mrd. Dollar, dem Verbindlichkeiten von 16,8 Mrd. Dollar gegenüberstehen. Zuvor war man von Vermögen und Schulden über je fast 49 Mrd. Dollar ausgegangen – die Differenz erklärten Refco-Finanzberater von der US-Bank Greenhill & Co. damit, dass die im Insolvenzantrag angebenen Daten auf Bilanzen von Februar beruht hätten, "die aber nicht verlässlich waren". Greenhill-Vizechef Harvey Miller beruhigte niemanden so richtig, als er meinte, man solle sich auf keine Refco-Bilanzen zwischen Februar 2002 und Mai 2005 verlassen.

Die Wiener sind nun mit umgerechnet 378 Mio. Euro größter Gläubiger in dem Verfahren. Wie genau sich diese 378 Mio. Euro zusammensetzen, war auch Thema im Sonderaufsichtsrat der Bank, die zu 100 Prozent dem Gewerkschaftsbund ÖGB gehört. Denn die Bawag P.S.K. hat laut eigenen Angaben 75 Mio. Euro an Refco und 350 Mio. Euro an die Refco Holdings Inc. vergeben, die aber im privaten Eigentum Bennetts steht.

Gläubiger der Holding

Warum seine Bank als Hauptgläubiger im Refco-Insolvenzakt geführt wird, dürfte nicht einmal der Bawag-Chef genau wissen. "Wir haben 350 Millionen Euro an eine Holdinggesellschaft vergeben, die im Einflussbereich von Herrn Bennett stand. Nach unserem Verständnis sind wir Gläubiger dieser Holding und haben dafür seine Aktien an der operativen Refco als Sicherheit", zitiert ihn Format.

Bennett, der wegen Betrugsverdachts unter Hausarrest steht, dürfte vor dem Börsengang der Refco im Sommer übrigens kräftig verdient haben. Laut New York Times sollen er und sein Vorgänger Tone Grant von der Investmentgruppe Thomas H. Lee (ihr gehören heute 38 Prozent von Refco) in Summe 885 Mio. Euro für ihre Mehrheitsanteile bekommen haben. Bennett habe eine Tranche von mehr als 500 Mio. Euro für sich behalten; US-Juristen gehen von der Anfechtbarkeit dieser Beträge aus. In der Sondersitzung des Bawag-Kontrollgremiums herrschte jedenfalls sehr dicke Luft. Einige Aufsichtsratsmitglieder fühlen sich nicht informiert, man könnte "nicht ausschließen, dass Köpfe rollen". Jedenfalls wurde vom Vorstand eine genaue chronologische Darstellung über den Ablauf der Kreditvergabe verlangt. Tatsächlich dürfte der Aufsichtsrat im April des Vorjahres eine Kreditlinie über rund 500 Mio. Euro für Refco beschlossen haben. Diese habe laut Informationen des STANDARD nicht vorgesehen, dass Einzelanträge dann wieder aufsichtsratspflichtig sind. Die Frage, ob der Riesenkredit an Bennetts Privatfirma zur Refco- Kreditlinie gezählt werden konnte, wurde höchst kontrovers diskutiert.

Politisches Kleingeld

Dass Politiker, allen voran Vizekanzler Hubert Gorbach, mit dem Refco-Debakel der Bawag politisches Kleingeld wechseln wollten, empörte indes zahlreiche österreichische Spitzenbanker. Sogar Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad sah sich genötigt, die Gewerkschaftsbank und deren Vorstandschef Zwettler zu verteidigen: "Das Gerede, dass die Kreditvergabe der Bawag an Refco eine Gefahr für den Bankplatz Wien darstellen könnte (wie zuvor Gorbach sagte), ist völlig unsinnig." (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.10.2005)

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