Gestrandet

21. Oktober 2005, 21:01
posten

Vermutlich war der Mann gar kein Surfer, er sah nur aus wie einer, der versucht, surfermäßig zu wirken ...

Es war Gestern. Und heute auch. Und wenn die Schweiz nicht die Schweiz, sondern ein normales Schengenland wäre, hätte ich wohl weiter weg fliegen müssen, um meinen Pass wieder einmal richtig inspiziert zu bekommen. Aber weil die Schweiz eben die Schweiz ist, ist einfaches In-die-Schweiz-Fliegen immer ein bisserl eine Erinnerung an das vergangene Jahrhundert. Und das hat schon was von großer, weiter Welt.

Wobei die Sache mit dem Ein- und Ausreisebrimborium – ebenso wie die Mühseligkeit des Mehrere-Währungen-im-Börsel-Habens (inklusive Kopfrechnerei) ja eigentlich ganz ok ist. Und wenn statt der Frau vor mir in der Schlange ich selbst bei der Einreise ins Eidgenossenland mit Nachwuchs da gestanden wäre, hätte ich den klassischen Elternsatz, dass das früher echt überall so war (unausgesprochener Nachsatz: bedenke also immer, wie gut du es hast, undankbarer Fratz), vielleicht sogar selbst gesagt.

Altsurfer

Und den gestrandeten Altsurfer im Terminal A hätte ich dann ganz bestimmt versäumt. Obwohl: Vermutlich war der Mann gar kein Surfer, er sah nur aus wie einer, der versucht, surfermäßig zu wirken – aber noch nicht überrissen hat, dass das mit 40 (wenn man nicht zu 200 Prozent authentisch ist) meist eher peinlich aussieht: Blonde Locken, Muschelketterln, Wraparoundsonnenbrille, tiefsitzende Cargopants, Flatteshirt mit Surfprint – das volle Programm eben.

Ab 40 wirkt das eher kläglich. Noch dazu, wenn man seit – von mir geschätzten - vier Tagen die selben Sachen anhat. Und erst recht, wenn man nicht nur aus der Surfern eigenen Idealform herausgequollen aussieht, sondern auch noch so riecht, als hätte man den letzten Kapitalrausch nicht ohne gröbere Schäden an Kleidung dn umliegenden Inventar überstanden.

Bodenpersonal

Vielleicht waren ja auch deshalb zwei dieser armen Damen, die das Kleidungsprotokoll des Flughafens zwingt, knallrote Strümpfe oder diese schrecklich unvorteilhaft geschnittene rote Hosen zu tragen (Und das steht – egal ob Bodenpersonal oder Flugbegleiterin – im echten Leben nur den wenigsten Frauen. Und Männern übrigens genauso wenig. Egal.), hinter dem Surfer her.

Im Gegensatz zu jenen erbarmungswürdigen Kreaturen, die als Flüchtlinge im Transit hängen bleiben, war der Surfer mit seinem Trolley aber keineswegs verzweifelt, bedrückt oder devot: Er zog – verfolgt von den Rotgekleideten - von einer Bar zur nächsten und versuchte Bier zu bestellen. Und jedes Mal wenn ein Kellner ihm – die dürften ihn schon gekannt haben – erklärte, er bekäme wenn überhaupt, dann etwas alkoholfreies zu trinken, fluchte er in breitem Südstaaten-Englisch und zog weiter.

Schlechte Vibes

Irgendwann saß er dann am Tisch neben mir, roch unangenehm, verbreitete aggressive Vibes und raunzte vor sich hin. Hinter ihm stand eine Airportdame und erklärte – scheinbar zum 12. Mal – dass der Surfer sich zusammen reissen solle. Sonst dürfe er auch morgen nicht abreisen. Das wisse er ganz genau.

Der Surfer nippte an seinem – schlussendlich doch akzeptierten – 0-Promille-Bier und erklärte, dass er nicht daran denke, bis morgen in Wien zu bleiben: Er wolle jetzt fliegen. Die Rotberockten wiederholten ihr Mantra – und zogen sich dann zurück.

Roundtripticketstapel

Der Surfer blätterte in seinem Berg Tickets und nickt. Aber kaum waren seine Bewacherinnen ein Stückerl weg, schnappte der Mann seinen Trolley und stellte sich in die Schlange beim Boarding nach Irgendwo: Shanghai, stand über dem Schalter. Natürlich war er nicht auf der Liste. Er diskutierte kurz - und kehrte dann für einen Schluck zu seinem Bier zurück. Danach stellte er sich beim nächsten gerade boardenden Flug in die Reihe.

Beim dritten Versuch (Riga, Vilnus oder eine andere baltische Stadt) tauchten seine Bewacherinnen wieder auf: Der überwuzzelte Blondschopf fluchte ins ein Bierglas, sprang auf und wanderte vom Rondeau des Pier A in Richtung Einreisepasskontrolle. Der Kellner fluchte: Der Surfer hatte nicht bezahlt. Mein Flug wurde aufgerufen.

Fingerlauf

Heute, beim zurückkommen, wollte ich nach dem Surfer suchen. Aber ich wurde abgelenkt: Im Finger vom Flugzeug zum Pier lief den Aussteigenden eine Frau mit Trolley entgegen. Hinter ihr ein Betreuer, der aber weder in Bodenpersonalrot noch in Securityblau gekleidet war. Die Frau möge stehen bleiben, rief er in den Finger hinein, das habe doch keinen Sinn: Das Flugzeug sei gerade gelandet – und sie könne da nicht einfach mitfliegen. Sie müsse warten – bis morgen. Die Frau blieb stehen – und fluchte. In breitem Südstaatenenglisch. Aber der Surfer von gestern war nirgendwo zu sehen.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

    Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

    Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken. "Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

Share if you care.