Der Stallpflicht-Schwenk

16. November 2005, 17:31
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Begleitmusik zu der Entscheidung, das Geflügel vorübergehend aus dem Freiland zu verbannen

Rein von der Sache her ist das Timing schon in Ordnung. Seit wenigen Tagen grassiert der neue Vogelpesterreger wahrscheinlich auch in Griechenland, und angesichts dieses Näherrückens war es in Österreich hoch an der Zeit, die bisher akkordierten Maßnahmen zu überdenken: der richtige Moment für den Beschluss der Geflügel-Stallpflicht. Zumal der Verdacht nicht von der Hand zu weisen ist, dass das Virus durch Zugvögel verbreitet werden könnte.

Außerdem: Worauf sonst sollte man denn setzen als auf gezielte Quarantänemaßnahmen, angesichts der großen Befürchtungen und zahlreichen Ungewissheiten, die mit der Verbreitung des Vogelkrankheitskeims einhergehen? Selbst die für Menschen gefährliche Krankheit Sars - man erinnere sich - wurde durch Vorsorge (Schutzmasken) und Quarantäne an einer großflächigen Ausbreitung gehindert: So sehen - neben forcierter Entwicklung von Impfungen und Arzneien - die Mittel aus, die Staaten, Staatenbünden und der Weltgemeinschaft insgesamt im Kampf gegen Seuchen zur Verfügung stehen.

Bleibt, um nach Österreich zurückzukehren, die politische Begleitmusik zu der Entscheidung, das Geflügel vorübergehend aus dem Freiland zu verbannen. Sprich der Brustton der Überzeugung, mit dem die handelnden Entscheidungsträgerinnen und -träger die Maßnahme vor einer Woche ablehnten - um sie wenige Tage später mit genau dem gleichen Gehabe als richtig und klug zu preisen.

An der Sachlage nämlich, die vor einer Woche zur Ablehnung der Stallpflicht führte, hat sich nichts verändert: Nach wie vor gibt es das H5N1-Virus in Österreich nicht - Gott sei Dank. Ist es also vermessen, zu vermuten, dass der Schwenk in der Verunsicherung der Entscheidungsträger seinen Ursprung hat? Doch das würden Minister und Sanitätsbehörden nie zugeben: Es widerspräche ihrer Vorstellung von Führungskompetenz. (Irene Brickner, DER STANDARD - Printausgabe, 21. Oktober 2005)

von Irene Brickner
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    Den Staaten stehen im Kampf gegen Seuchen insgesamt wenig Mittel zur Verfügung

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