Bordell der Langsamkeit

9. November 2005, 13:29
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Premiere von Peter Eötvös' Oper "le balcon" im Museumsquartier

Wien - Draußen knallt es schon gewaltig, die Revolution rückt näher - drinnen, im Bordell aber, feiern die Herren das Fest des bizarren Narzissmus durch Rollenspiele, kleiden sich in Irmas Etablissement als machtvolle Kardinäle, Richter wie Generäle und kosten den Wechsel zwischen Autorität und Schuhe leckender Devotheit aus.

Aus diesem Stück von Jean Genet ist die Oper le balcon geworden, die Neue Oper Wien hat sie vom Festival in Aix-en-Provence, wo sie 2002 uraufgeführt wurde, übernommen, ins Museumsquartier gebracht und optisch als Ansammlung von jederzeit transparenten Räumen angelegt, die Simultanhandlungen ermöglichen.

Auch in der Musik herrscht munteres Verkleiden: Da geht es los, als hätten sich Leonard Bernstein und Kurt Weill komponierend kurzgeschlossen; es swingt dezent im stilisierten Big-Band-Sound, jazzige Balladen verbreiten nostalgische Stimmung, und zwischendurch darf das eine oder andere Instrument quasi kadenzartig aus dem Kollektiv ausscheren.

Der Grundton des Werkes ist freilich elegisch-schummrig. Und so gekonnt Komponist Peter Eötvös bei le balcon, seiner zweiten Oper, zwischen diversen Stilwelten changiert und instrumentierend für Atmosphäre sorgt, so wenig gelingt es ihm, eine dramaturgische Linie zu entwickeln, die dem Werk spannungsaufgeladene Kompaktheit verleiht.

Da kann das glänzende Amadeus-Ensemble-Wien unter Dirigent Walter Kobera genauso wenig hilfreich eingreifen wie die freilich nicht mehr als solide-routinierte Regiearbeit Stephan Bruckmeiers. Es herrscht eine seltsame Langsamkeit, die das Ensemble (etwa Gernot Heinrich, Stefan Cerny, Dieter Kschwendt-Michel, Joswita Sip, Robert Rosenkranz und Anna Clare hauf) allerdings vokal tadellos umsetzt. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2005)

Von Ljubisa Tosic

Vorstellungen am 22., 23., und 25. 10., 19.30 Uhr
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