Jazz-Verdauungskünste

19. Dezember 2005, 13:37
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Aki Takase mit Fats-Waller-Musik zu Gast bei der Jeunesse

Wien - Die Jazzgeschichte zu thematisieren, sich am Oeuvre eines Säulenheiligen abzuarbeiten und den eigenen Namen im Sog der Prominenz ins Blickfeld zu rücken, derartiges wirkt in Zeiten, in denen Hommagen und Tributes im Jazz Hochkonjunktur haben, rasch fantasielos.

Auch Aki Takase hat in den letzten Jahren Ellington, Monk, Dolphy oder WC Handy Reverenz erwiesen. Vom Verdacht des musikalischen Trittbrettfahrens ist sie jedoch frei zu sprechen. Pflegt die Pianistin aus Osaka, die seit 1987 in Berlin lebt, die gewählten Materialien nicht in flotter Oberflächenbehübschung aufzupeppen, sondern sie sich einzuverleiben und als Takase-Musik wieder auszuspeien.

Das Fats-Waller-Projekt, 2004 aus Anlass des 100. Geburtstags des 1943 verstorbenen Pianisten ersonnen und nun an zwei Jeunesse-Abenden im Birdland zu vernehmen, bedeutet in seiner brillanten Ambivalenz aus Rekonstruktion und Dekonstruktion wohl den bisherigen Höhepunkt dieser Verdauungskunst. Denn höchst lustvoll frönte die Pianistin in Klassikern wie "Lookin' Good, But Feelin' Bad" dem Drive des Rhythmus, ließ die Struktur aber ebenso gerne abstrakt zerfasern, um schnellfingrig wieder rhythmisch Boden unter den Füßen zu gewinnen. Die stetige Virulenz der Möglichkeit, dass der 30er-Jahre-Swing gleich wieder aufgebrochen werden könnte, füllte auch jede konventionell gespielte Note mit praller Plastizität. Dem famosen Bassklarinettisten Rudi Mahall und Trompeter Thomas Heberer genügten zuweilen "dirty tone"-Effekte, um ihre freitonal swingenden Linien ins Geräuschhafte zu steigern. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2005)

Von Andreas Felber
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