Analyse SPÖ: Angst vor Eigenfehlern

23. Oktober 2005, 02:43
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Jubelmeister Alfred Gusenbauer blickt zuversichtlich in die Zukunft: Die Chance, das Ende der Wende herbeizuführen, ist zum Greifen nahe

Wien – Alfred Gusenbauer ist in Feierlaune. Er hat viel zu jubeln gehabt in letzter Zeit, allerdings immer über die Erfolge anderer. In Salzburg mit Gabi Burgstaller, in der Steiermark mit Franz Voves, im Burgenland mit Hans Niessl. Aber immerhin, es war die SPÖ, die gewonnen hat.

Am Sonntag wird Gusenbauer wieder jubeln, diesmal an der Seite von Michael Häupl in Wien. Auch das ist die SPÖ, sogar ihre stärkste Landesorganisation, und Häupl gilt ohnedies als der geheime SPÖ-Chef, ohne dessen Segen in der Partei nichts läuft.

Eigene Erfolge hatte Gusenbauer noch keine zu bejubeln gehabt. Aber diese Zeit soll auch noch kommen, darauf arbeiten alle – mehr oder weniger engagiert – hin. Die SPÖ soll wieder erste Partei im Lande werden und den Bundeskanzler stellen. Und der soll Alfred Gusenbauer heißen. Die Zeichen dafür stehen für die SPÖ gut.

Gusenbauer ist zwar nur die zweitbeste Wahl, aber eine erstbeste hat man in der Partei nicht gefunden. Michael Häupl selbst will es schlicht nicht machen. Für einen Umsturz durch die Gusenbauer- Kritiker ist es schon zu spät, ein Jahr vor der Nationalratswahl gegen den Parteichef zu putschen hätte fatale Folgen.

Also Gusenbauer. Und Schluss mit der Debatte, ob er jetzt Charisma hat oder nicht. Weil g'scheit ist er, das billigen ihm alle zu, der Rest wird noch kommen, hofft man.

Für die SPÖ läuft alles prächtig. Die Serie an gewonnenen Landtagswahlen und insbesondere die beiden "umgedrehten" Bundesländer Salzburg und Steiermark sorgen für enormen Aufwind, da kann eigentlich nichts schief gehen. Selbst wenn die ÖVP alles auf die Frage Alfred Gusenbauer oder Wolfgang Schüssel setzt und dabei einen leichten – oder den entscheidenden – Vorteil für sich ausmacht, müsste aus jetziger Sicht der in Umfragen belegte Vorsprung der SPÖ reichen.

Außer der ÖVP gelingt ein Clou. Dazu mag die EU-Präsidentschaft im ersten Halbjahr 2006 zwar Ansätze bieten, die Wahrscheinlichkeit, mit europäischen Themen die Wahl zu entscheiden, ist aber gering. Sollte Jörg Haider in Einsicht der Aussichtslosigkeit die Regierung während der Präsidentschaft sprengen, wie bereits gemunkelt wird, muss das nicht zum Nachteil der SPÖ ausgehen.

Angesichts dieser Chancen bleibt der SPÖ nur die Angst vor dem eigenen Fehler. Das Risiko, es selbst zu vermurksen, ist evident.

Inhaltlich sind die Sozialdemokraten gut aufgestellt, die Sozialkompetenz hält man, bei den Arbeitsplätzen traut man der SPÖ einiges zu. In der Sicherheitsfrage ist die Partei ohnedies schon auf einen populistischen Kurs eingeschwenkt, um der ÖVP parieren zu können und der Krone zu gefallen. Würde man etwas weniger auf Umfragen hören, tät's auch noch reichen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.10.2005)

Von Michael Völker
  • Alfred Gusenbauer
    foto: standard/fischer

    Alfred Gusenbauer

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