Checkpoint Massada

21. Oktober 2005, 21:21
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Avi Mograbi stellt sich mit "Avenge But One of My Two Eyes" zwischen alle innerisraelischen Fronten

Israel hängt nicht an Samsons langen Haaren: Avi Mograbi stellt sich zwischen alle Fronten und entlarvt die Prozesse der historischen Identifikation als Propaganda.


Avi Mograbi setzt sich am liebsten ganz knapp vor die Kamera. Sein Arbeitszimmer ist winzig. Hier ist er umgeben von Medienbildern aus dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Hier nimmt er die Anrufe seines palästinensischen Freundes Shredi Jabarin entgegen, der ihn mit seinen Todesfantasien auf eine harte Belastungsprobe stellt.

Avi Mograbi ist Jude, Bürger Israels, und privat anscheinend ein recht humorvoller Mensch. Damit ist er ein Außenseiter, wie er in seinem neuesten Film "Avenge But One of My Two Eyes" wieder feststellen muss. Denn in Israel lernen die Menschen nicht kritische Distanz, sondern mythische Identifizierung.

In den Ruinen der Festung Massada versenken sich die Besucher meditativ in das Schicksal der antiken Juden, die sich der Belagerung durch die Römer durch Selbsttötung entzogen. In der Schule lernen die Kinder von Samson, der Tausende Philister mit in den Tod nahm. Die biblischen Zeloten, eine nationalistische Splittergruppe, erscheinen heute als Vorbilder. Mograbi, der an Israels Folklore auch das Groteske nicht verschweigt, findet sogar eine Band, die Zelotenrock spielt.

In allen seinen Filmen geht es Mograbi nicht so sehr darum, die prekären historischen Analogien, auf denen alle Ansprüche auf das Land beruhen, als Irrtümer zu entlarven. Er sucht vielmehr nach einer Form, wie sich mit dem Prozess der ständigen Identifikation ("Wir sind Samson", "Wir sind Massada") anders umgehen lässt. Gegen die Indoktrination, die zu einem wichtigen Faktor der Öffentlichkeit in Israel geworden ist, hält er sich einsam als ironisches Subjekt in seiner kleinen Kammer. So setzte er sich in "Happy Birthday, Mr. Mograbi" (1999) einfach an die Stelle des Staats Israel, weil er am selben Tag Geburtstag hat. Zum Jubiläum der Staatsgründung zelebrierte er seine eigene Midlife-Crisis. Das erscheint auf den ersten Blick narzisstisch, macht auf den zweiten Blick aber die Wahrnehmungsstrukturen in Israel auf komische Weise deutlich.

Vor der Eruption

Die spielerische Form seiner Filme und deren Tagebuchstil hat Mograbi unweigerlich einen Vergleich mit Nanni Moretti eingetragen, mit dem er einen beißenden Sarkasmus gemeinsam hat und jene Chuzpe, die es braucht, um sich selbst für das Allgemeine zu halten. In seinem vielleicht besten Film "August" beschreibt Mograbi diesen Sommermonat als "Moment vor der Eruption". In dieser Zeit kommt alles an die Oberfläche, was er an Israel hasst. Seine Frau, die den August liebt und die er mit eisernem Mut zum Slapstick gleich selbst spielt, geistert auch durch seine anderen Filme. In "August" sucht Mograbi nach einer Darstellerin für die Witwe von Baruch Goldstein, einem jüdischen Siedler, der 1994 in der Nähe von Hebron ein Massaker an betenden Muslimen angerichtet hatte. Der geplante Spielfilm ist aber nur ein Vorwand. Avi Mograbi macht ein Kino in der ersten Person.

Als Intellektueller steht er der Bewegung "Jesh Gvul" ("Es gibt eine Grenze") nahe, die Soldaten unterstützt, die nicht in den besetzten Gebieten dienen wollen. Sein Engagement hindert ihn nicht an unerwarteten Erkenntnissen. 1996 drehte er "How I Learned to Overcome my Fear and Love Arik Scharon". Der Film ist eine Faszinationsgeschichte, zugleich aber auch ein Angesang auf die israelische Linke.

Mograbi lässt sich von dem "Teddybären" Scharon so um den Finger wickeln, dass er sich am Ende in den Likud einreiht. Der Medienkritiker Mograbi macht sich immer wieder selbst zum Objekt. Er registriert genau, wie die symbolische Politik überhand nimmt und die Angstlust der Menschen sich in den weichen Gesichtern der Hardliner spiegelt.

In "Avenge But One of My Two Eyes" sind die Politiker abwesend. Es ist die kommende Generation, die hier auf einen Fanatismus eingeschworen wird, dem sich Avi Mograbi mit allen Mitteln des Kinos entzieht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.10.2005)

Von Bert Rebhandl

24.10., Metro, 18.00

25.10., Metro, 11.00

  • Artikelbild
    foto: viennale
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