Blick auf den Aufbruch

27. Oktober 2005, 17:21
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Redlich, solide und funktional: Das Wien Museum zeigt eine Retrospektive auf das Werk des Architekten Erich Boltenstern

....und die Baukultur in Wien nach dem Zweiten Weltkrieg


Wien – "Das ist nicht Amerika, das ist Österreich!", berichtete am 14. Juni 1955 die Austria Wochenschau begeistert über die Eröffnung des Ringturms. Damals noch eines der höchsten Gebäude Europas, zählt der Turm von Erich Boltenstern heute nicht einmal mehr zu den Top Ten in Wien. Aber immer noch verkörpert der Ringturm im österreichischen Maßstab den Begriff des Hochhauses, vor allem die Stimmung eines Aufbruchs, die Stimmung eines gleichermaßen gedrückten wie ambitionierten Wiederaufbaus.

Man kann ihr im Wien Museum bei der Retrospektive auf das Werk des Architekten Erich Boltenstern, einer Schlüsselfigur jener Zeit, nachgehen. Unter dem Titel "moderat modern" gehen die Kuratorinnen Judith Eiblmayr und Iris Meder der Frage nach, wie sich die damalige Ambivalenz zwischen Notstand und schwungvoller Moderne auf die Stadt ausgewirkt hat: "Gerade die nicht revolutionäre, eher nüchterne Architektur der Fünfziger kann erst von der heutigen Generation anerkannt und vorurteilsfrei bewertet werden."

Verlässlichkeit statt Risiko, Sparsamkeit statt Großzügigkeit: Dennoch eignet sich dieser zurückhaltende Ansatz auch heute immer noch für viele repräsentative Räumlichkeiten in Österreich. "Wenn es einen typischen Stil der Wiederaufbauära und eine Architekturhandschrift des offiziellen Österreich gibt", erklärt Direktor Wolfgang Kos, "dann ist es eine zurückhaltende und angepasste Moderne – redlich, solid und funktional."

Dieser Prämisse Folge leistend, feiert am 4. Novemver 1955 die Wiener Staatsoper ihre Wiedereröffnung. Wie das 1946 gegründete "Opernkomitee" festgelegt hatte, erstrahlte die Oper in ihrer "ursprünglichen Gestalt". Lediglich im Stiegenhaus und im Pausenraum sind Boltensterns Visionen bis heute spürbar. Architekt Boltenstern: "Mein Ziel war es, einen festlichen, beschwingten und befreienden Raum zu gestalten, der in einem gewissen Sinn zeitlos wirken soll."

Neben Ringturm und Staatsoper stammt aus dieser Zeit auch das Hotel am Parkring, die Österreichische Nationalbank in Linz – deren Originalmobiliar in der Ausstellung übrigens als benutzbare Lounge-Ecke verwendet wurde – und das Restaurant am Kahlenberg, das damals schon für 4.500 Besucher konzipiert war. Meder und Eiblmayr überraschen gleich zu Beginn der Ausstellung mit einem Nachbau der so genannten "Rotunde", der sich direkt vor der Oper unter der Ringstraße befindet – kleiner natürlich als die echte Rotunde, aber umso effektvoller: "Wir haben versucht, durch einen echten Teaser die Leute für die Architektur sensibel zu machen", sagen die Macherinnen. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2005)

Von Wojciech Czaja

Wien Museum
Bis 29. Jänner 2006
  • Ringturm: einst eines der höchsten Gebäude Europas, heute nicht einmal mehr unter den Top Ten Wiens.
    foto: wien museum

    Ringturm: einst eines der höchsten Gebäude Europas, heute nicht einmal mehr unter den Top Ten Wiens.

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